Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 2

Myff.de kackt in letzter Zeit ziemlich oft ab, kann das sein?
Weiter gehts.
JETZT stehen wir wirklich sehr kurz vorm Ende. :/








Ich hatte in letzter Zeit ein gutes Gespür dafür bekommen, wo ich Bela suchen musste, wenn ich ihn zuhause nicht fand. Auch diesmal täuschte mich meine Intuition nicht.
Bela saß an der Bar, drehte ein leeres Schnapsglas zwischen den Fingern hin und her, hatte den Kopf gesenkt und starrte auf das dunkle Furnier. Er saß in dem matten und gelben Licht, wirkte, als gehöre er gar nicht hier her. Er sah aus wie ein Bild in der Horde Menschen die sich um ihn herum bewegten.
Ich hing meine Jacke an der Garderobe auf, orderte ohne seine Aufmerksamkeit eine Flasche Jack Daniels und ließ sie vor ihm abstellen.
Erst jetzt wurde er wieder beweglich, hob den Kopf, sah mit hochgezogenen Brauen in das runde Gesicht der Bedienung und folgte dann ihrem Blick als sie in meine Richtung nickte. Zwei, drei Sekunden lang starrte er mich an und dann konnte er sich ein Lächeln nicht mehr verkneifen.
Ich bemerkte das er hingerissen dazu war mich zu umarmen als ich auf den Barhocker neben ihn kletterte, aber er ließ es. Stattdessen reichte er mir zögerlich ein Glas und murmelte der Jack Daniels entgegen: „Du weißt schon das es immer in einer haltlosen Katastrophe endet, wenn wir uns gemeinsam betrinken?“
Ich ließ auf meinen Lippen ein verstohlenes Lächeln als ich ihn ansah. „Und was soll jetzt noch passieren, was uns ernstlich schocken könnte?“

Er goss ein und damit war der Abend, der Abschied eröffnet.

Wir wurden nicht privat. Es war nie eine unserer Stärken gewesen über privates zu reden, über Gefühle, all dieser theatralische Kram eben, den man sich nach dem Teenageralter abgewöhnt.
Es wäre vielleicht der Augenblick dafür gewesen.
Aber wir taten es eben nicht.

Es ging lange um alle anderen. Rodrigo, den man jetzt nur noch überglücklich mit Diana antraf, die zu gewohnter Bissigkeit zurückgefunden hatte.
Um die Gerichtsverhandlung die anstand in einigen Monaten.
Das auf Eis gelegte Racing Team und Die Ärzte, um die es nicht viel besser stand. Und irgendwann ging es um Farin.
 Bela sagte nach einer gefühlten Ewigkeit, und einer langen, schweigsamen Pause: „Ihr fliegt morgen, oder?“
Ich nickte nur. Er klang ein wenig geknickt, vielleicht nahm er es Farin auch übel, das er nicht zu seiner Flugbegleitung geworden war. Die beiden hatten ein merkwürdiges Verhältnis entwickelt. Es gab keinen Streit, keine Schreieren, aber irgedwie war es nicht früher.
Vielleicht kam Bela auch nur nicht damit klar, dass er das wusste, was Farin nicht mehr erinnern aber nicht auf Ewigkeit verdrängen konnte. Und ohne Zweifel kannte Bela ihn immer noch am besten.

Manchmal gehen Menschen auf Abstand wenn sie die tickende Bombe in anderen Spüren. Fremdes Blut auf der eigenen Haut kann unangenehm sein.

„Deshalb bin ich hier.“, sagte ich dann gedämpft und vermied es seine Mimik zu studieren. „Ich wollte mich verabschieden. Wir werden eine Weile weg sein.“
Er nickte nur und kippte eilig ein Glas Jack Daniels. Sein Gesicht verzog sich nicht, seine Lippen pressten sich weiter aufeinander. Er trank das wie Wasser.
„Umarmst du mich dann nochmal?“
Seine Worte trafen mich wie eine verbale Ohrfeige und ich hoffte einfach, dass ihm das rausgerutscht war, das es nur der Jack Daniels war, ein bisschen Verwirrtheit und das er gleich anfangen würde über sich selbst zu lachen.
Tat er aber nicht.
Er starrte auf seine Finger die das Glas immer und immer wieder im Kreis drehten.
„Wenn du jetzt gehst und so lange weg bist, werde ich durchdrehen. Ich werde nachts nicht mehr Ewigkeiten vor meinem Handy sitzen können und überlegen ob ich dir schreibe, weil ich nun weiß, das hat keinen Sinn. Du hast es nicht dabei.
Ich werde dir keine Post schicken, weil Postboten eine Adresse mit „Irgendwo in der Karibik“ nicht finden. Ohnehin würde ich sie nie verschicken, aber ich kann sie zumindest schreiben und auf meinem Schreibtisch vergammeln lassen.
Ach, eigentlich habe ich gar keine Lust dir diesen ganzen theatralischen Schwachsinn zu erzählen. Es ist doch – egal.“
Er nahm nicht mehr das Glas, er nahm die Flasche.
„Wenn du zurückkommst wird alles anders sein, ich weiß das. Farin und du ihr werdet – zwischen euch wird es anders sein, und zwischen uns wird es anders sein. Und mir wird klar werden, während ihr weg seid, dass ich einfach aufhören muss dich zu lieben, weil es keinen Sinn hat. Du liebst mich eben nicht. So ist es nun mal.
Aber so lange ich Zuhause sitzen und Briefe an dich schreiben kann, die nie einen Briefumschlag und eine Adresse sehen werden, solange ich weiß das ich dir mitten in der Nacht eine SMS schicken könnte, nur um dir zu sagen das ich an dich denke, solange du mich ab und zu eines Blickes würdigst, solange ich an deiner Wohnung vorbeifahren kann ohne zu klingeln, solange du mich ab und zu umarmst, einfach, weil du dich freust, so lang kann ich mir einreden, dass es etwas wird, irgendwann. Das ich nur geduldig warten muss und eines morgens wirst du vor meiner Tür stehen und –
Aber was ist wenn du so lange weg bist?
Vielleicht habe ich auch so etwas wie Farin. Vielleicht erinnere ich mich einfach nicht daran das ich weiß, dass das nie eintreten wird. Aber es wird mir bewusst sein wenn ich zwei oder drei Monate, vielleicht ein halbes Jahr lang auf all diese Kleinigkeiten verzichten muss, an die ich mich jetzt klammer. Und wenn du zurückkommst wirst du anders sein. Alles wird anders sein. Vielleicht bist du mir sogar fremd.
Ich will meine Illusion nicht verlieren. Was würde ich ohne sie machen? Jedes Mal das kotzen kriegen wenn ich Rod und Diana sehe? Jetzt denke ich mir einfach, irgendwann gilt soetwas auch mal für mich. Und was soll ich glauben wenn ich dich sehe? Das ist die Frau die du immer wolltest, aber nie gekriegt hast?
Verdammte Scheiße nochmal.“
Erneut ein Schluck aus der Flasche. Jetzt war sie leer.
„Ich bin nicht bereit mich von dieser Illusion zu trennen. Vielleicht bin ich das nie. Und sie bleibt bei mir, mit jeder Kleinigkeit die ich mir von dir erhalte.
Also. – Umarmst du mich noch mal, bevor du gehst?“

Was hätte ich sagen sollen?
Nein du Idiot, es bricht dir das Herz?
Nein, weil, es ist egal was ich tue, es bricht dir sowieso das Herz, also halte ich dich wenigstens auf Abstand?
Er sah mich so misstrauisch-mürrisch an, dass ich nicht ganz wusste wie ich das einzustufen hatte. Aber seine verhärtete Mimik zersprang wie Glas in seinem Gesicht als er meine ausgebreiteten Arme sah.
Mein Magen hat mir nie so sehr weh getan, wie bei dieser Umarmung.

Als ich ihn losließ wurde er nervös, hektisch, weil er wusste, das war das Ende. Von nun an würde es nie wieder so sein wie früher und er hatte recht, wenn ich zurück kam, waren die Dinge anders.
Er suchte nach etwas, sah um sich, dann griff er nach einem Bierdeckel und verlangte von der Bedienung ziemlich ruppig einen Kugelschreiber, den sie widerwillig aushändigte.
„Ich – ich hab jetzt –“, er war nicht Multitaskingfähig. Zu schreiben und zu sprechen gleichzeitig war für ihn zumindest unter Jack Daniels Einfluss eine schwierige Sache. „- gar kein, ich hab jetzt gar kein Abschiedsgeschenk für dich.“
Und dann streckte er mir diesen Bierdeckel entgegen auf dem stand:

Bela grüßt dich mit diesem Beschützer-Bierdeckel. Du solltest ihn bei dir tragen. Am besten in der Unterwäsche!

Als ich rausging, das Abschiedsgeschenk noch in der Hand, die Tür hinter mir scheppernd ins Schloss fiel, der Nachthimmel dunkel über mir thronte und die milde Luft um meine Ohren pfiff dachte ich, jetzt wäre ich bereit zu sterben.



Mitten in der Nacht öffnete ich verschlafen die Haustür meiner Wohnung, die ich mir nun nur noch mit John teilte, und nicht mehr mit Franzi und Böhm. Nachdem die WG abgebrannt war hatten sich unsere Wege gewzungenermaßen getrennt.
Farin stand vor mir, trug einen schwarzen Rollkragenpulli und wirkte müde aber zufrieden. Hinter ihm tauchte Rod auf, der uns zum Flughafen bringen würde. Seitdem Diana wieder seins war, strahlte er ununterbrochen. Sogar um diese Uhrzeit.

Ich ließ die beiden Männer herein und beachtete nicht die spürbaren Blicke die sie meinem Nachthemd gönnten, drückte Farin den obligatorischen Tee und Rodrigo einen Kaffee in die Hand und verschwand kurz in meinem Zimmer um mich umzuziehen. Als ich zu ihnen zurückkam, die Haare gebändigt hatte und in unförmigen Klamotten vor mich hin fror, lachten sie bereits in gemütlicher Runde mit John der sich zu ihnen gesellt hatte.  
Er betrachtete mich mit fürsorglichem Blick als ich meine überraschte Miene nicht mehr verbergen konnte. John war ganz und gar nicht der Typ der sich nachts aus dem Bett quälte.
„Na was denkst du denn? Ich lass dich da nach was-weiß-ich-nicht-wo abhauen für was-weiß-ich-nicht-wie-lange und sage dir nicht mal tränenreich Tschüss? Nee Babe, das kannste grad mal knicken!“
Er klopfte neben sich auf das Sofa und breitete die Arme aus, damit ich mich, müde wie ich war, noch ein paar Minuten ankuscheln konnte, bevor uns Auto und Flughafen riefen.
„Und ihr habt euch vom Rest schon verabschiedet, ja?“ Rodrigo stellte die Frage beiläufig, pustete in seinen Kaffe und sah deshalb nicht den blitzschnellen Blick der zwischen Farin und mir hin und hersprang. Wir nickten nur.
John drückte mich in diesem Augenblick fest an sich und sagte leise neben meinem Ohr: „Eigentlich will ich nicht das du gehst.“


Ich mochte Flughäfen. Ich mochte sie eigentlich, wenn ich diejenige war die wegfliegen konnte. Ich liebte die Anzeigetafeln auf denen jede erdenkliche Stadt stand, fremde Länder, fremde Menschen, Orte die wir nie gesehen hatten tauchten vor uns auf und jedes Mal bedeutete er nur einen Schritt in den Flieger, und dann war man einfach dort.
Nicht so an diesem Morgen.
Ich witterte an jeder Ecke Bela, der vor Liebeskummer starb und einen szenenreichen Abschied brauchte. Ich sah die Ankunftszeiten der anderen Maschinen und fragte mich, wie oft er an diese Flughafen sitzen würde und hoffnungslos darauf wartete, dass wir zurückkehrten und eben nicht alles anders war, als noch gestern Abend.
Ich steckte meine Hand in die Hosentasche um den Bierdeckel zu befühlen und dachte nur, bitte Bela, tu uns das nicht an.

Wir mussten einchecken, es wurde Zeit Rodrigo und John zu verabschieden. Mein bester Freund sah zermürbt aus als er mich im Trubel des Flughafentreibens umarmte. Sein Kopf legte sich schwer auf meine Schulter und seine Hände verhakten sich fest hinter meinem Rücken. Er war so wunderschön und er roch so vertraut – er war wie eine wandelnde Heimat.
Ich holte gerade Luft um die üblichen Belehrungen zu starten als er sagte: „Nein, nein. Ich stell nichts an! Ich weiß ja jetzt wie das ist… ich pass gut auf mich auf. Ich setzte nichts in Brand. Ich bezahle die Miete. Ich putz mir die Zähne. Ich feier keine wilden Partys. Alles was du willst, wenn du nur bald zurück kommst!“ Ich konnte ihn lächeln spüren und streichelte ihm durch die wuscheligen Haare. „Und soll ich dir mal’n Tipp am Rande geben?“
Ich hielt ihm mein Ohr hin um zu symbolisieren das ich daran durchaus interessiert war.
„Verlieb dich in Farin und schnapp ihn dir, Mädchen! Wenn der dich heiratet, haben wir ausgesorgt, ey! Dann wird nur noch Urlaub gemacht, haha.“
Er küsste mich schmatzend auf die Wange und schob mich dann vor sich, vermutlich ein Selbstschutz, bevor er hingerissen dazu war theatralisch und wirklich traurig zu werden.
Durch den Lärm von Lautersprecherdurchsagen und dem stetigen Gemurmel einer sich unterhaltenden Menschenmasse mischte sich Rodrigos und Farins Lachen. Sie lachten herzhaft, klopften sich die Schultern und dann schwebte der Chilene zu mir herüber, breitete die Arme aus und seufzte erfreut: „Haaach Taya. Ein Scheiß das du so lange weg bist!“
Er küsste mich auf die Stirn und zog mich an seine Brust heran, umarmte mich herzlich und fest und dämpfte die Stimme damit John und Farin nicht weiter zuhören konnten. „Nur falls du dir Sorgen machst, so siehst du nämlich aus, ich werde ein Auge auf Bela haben. Alles wird gut Liebling, hör auf so mies zu gucken!“
„Ich guck nicht mies.“
„Und wie du mies guckst! Freu dich, du wirst … na ja, okay. Wenn ich drüber nachdenke. Drei Ewigkeiten mit Farin Urlaub ohne Fluchtmöglichkeit. Na gut. Okay. Okay. Guck so. Von mir aus.“
Er hielt mich weiter in seinen Armen, legte seinen Kopf auf meinen und bekam einen wehmütigen Ton. „Aber fehlen wirst du mir schon.“
„Du mir nicht. Ich hab ja sowieso fast nichts mehr von dir, seitdem ich dich mit Diana teilen muss!“
„Ha, ha, ich immer gewusst das du au mich stehst! Ha! IMMER! Und das du eifersüchtig bist! Tja Babe“, er ließ mich los, strich sich schmierig durch die dunkeln Haare und fuhr fort, „es besteht aber durchaus die Möglichkeit das du dich unserem Harem anschließt.“
„Ne, lass mal stecken. Im wahrsten Sinne des Wortes, haha!“

Farin und ich kehrten den anderen beiden den Rücken zu und stellten uns in die Schlange. Wir waren beinahe dran, als Rodrigo hektisch und außer Atem neben uns auftauchte, uns aus den Wartenden riss und ein paar Meter beiseite zog.
„Hallo? Herr Gonzalez hast du sie noch alle? Wir stehen jetzt gleich wieder fünf Stunden an, damit sie unsere terroristischen Ambitionen untersuchen können, du Depp!“, pfiff Farin ihn erstaunlich verärgert an, was ich auf seine Müdigkeit schob.
„Ja ja, ich weiß, ich weiß. – Ich muss euch nur noch – ich dachte, wenn ihr jetzt so lange weg seid – ich, also Diana will nicht das ich’s schon erzähle, aber wer weiß wann ich euch wiedersehe? Und sonst verpasst ihr ja alles!“
Er hatte die Arme um Farins und meinen Oberkörper gelegt, während John im Hintergrund auf ihn wartet. Eine bedeutungsvolle, mit Lächeln ausgefüllte Stille folgte der nächsten bis er ehrfürchtig verriet: „Ich werde Papa.“
„Im ernst?“ Farins Gesicht bekam bereits eine vorfreudige Farbe und als Rodrigo stolz nickte, begann der Blonde zu lachen, umarmte ihn, klopfte ihm viel zu fest auf den Rücken und startete einen Redeschwall den ich nicht verstand. Der Chilene taumelte glücklich in seinen Armen ein paar Schritte und kurz darauf stand er verlegen und mit seiner engelsgleichen Aura vor mir, Farins Hand noch auf seiner Schulter, und sah mich an als erwarte er eine Erlaubnis von mir für das, was er sowieso längst vollbracht hatte.

„Na hallo? Das ist selbstverständlich großartig!“
Seine Zweifel fielen schlagartig aus seinem Gesicht als ich ihn auf die Wange küsste, ihn umarmte und meine Hande in den wuscheligen Haaren vergrub. „Es ist toll das du so glücklich bist.“, flüsterte ich neben seinem Ohr und drückte ihn noch einmal fest an mich bis Farin und ich uns endgültig der wartenden Schlange stellten, um einzuchecken.
Als wir Rodrigo hinterher sahen wie er lachend mit John aus der Eingangshalle schlenderte, hätte man meinen können, alles in seinem Umkreis bekam eine magische, liebevolle Schönheit.


Der Plastikstuhl bohrte sich in meinen Rücken, Farins knochige Schulter war ebenso wenig komfortabel, die Luft zog ständig unangenehm schneidend an meinem Nacken vorbei und meine Augen brannten vor Müdigkeit.
Ich hasste die Warterei auf Flughäfen und all die anderen Faktoren die einen in den Wahnsinn treiben auf Plätzen wie diesen, aber in dieser Nacht war meine schlechte Laune von Rodrigos Glückseligkeit einfach dahingespült.

„Na wie wars denn jetzt mit Bela?“, fragte Farin dann mit angespanntem Unterton, nachdem er mir seine Jacke über die Schultern gelegt hatte und sich bereitwillig als Kissen missbrauchen ließ.
Ich bemerkte es kaum, aber meine Finger hatten sich längst wieder um den Bierdeckel gelegt.
„Na ja, so wie es zu erwarten war.“, antwortete ich bedrückt und zog Farins Jacke enger um mich. „Ich hab sein Herz gebrochen und bin mit kaum auszuhaltendem schlechten Gewissen davon.“
„Das war alles?“ Farin klang mehr als nur ungläubig, vermutlich weil er wusste, dass kaum ein Treffen bei uns ohne alkoholische Unterstützung stattfand, und diese sorgte letztendlich immer für erhebliche Katastrophen, meist sexueller Art.
„Das war alles.“, bestätigte ich murrend.
„Nicht mal geküsst?“
Ich wurde das Gefühl nicht los das Farin sich das gewünscht hätte.
„Nein. Aber ich hab ein Abschiedsgeschenk bekommen. Willst du es sehen?“
Es war ziemlich privat das mit Farin zu teilen, aber die nächsten Wochen verbrachte ich sowieso mit ihm, früher oder später würde ihm die Affäre zu meinem Bierdeckel auffallen.

Er nickte eifrig und griff dann ungläubig nach dem Stück Pappe, dass ich ihm hinhielt. Er las Belas Gekrakel, dann lachte er und sagte etwas leiser: „Nein Taya, bitte, jetzt sag nicht – nein, das hat er nicht ernst gemeint?!“
Ich grinste, nickte an seiner Schulter und schnappte ihm den Bierdeckel wieder aus der Hand, um ihn sicher zu verstauen. „Er war nun mal verzweifelt!“
„Ha, das glaube ich dir bei einem derartigen Geschenk aufs Wort!“

Ich rutschte noch ein Stück näher an Farin heran, lauschte einem Augenblick dem ruhigen Herzschlag den ich hören könnte und fragte dann mit möglichst beiläufigem Tonfall: „Und bei dir und Eva?“
Er zuckte die Schultern, dann schüttelte er demonstrativ den blonden Kopf.
„Was soll das heißen? Eure Abschiedsszenen fielen spartanisch aus?“
„Ziemlich spartanisch, ja.“
„Weshalb?“
Er zog die Augenbrauen hoch und nahm neben mir eine Haltung ein, die bereit war emotionalgeladene Prügel entgegen zu nehmen. „Na ja, ich – es kam zu keinem wirklichen Abschied.“
Ich richtete mich auf um die schuldbewussten Züge in seinem Gesicht zu studieren. Offensichtlich war er auch nicht ohne schlechtes Gewissen abgereißt.
„Du haust jetzt nicht für Monate ab und sagst ihr davon kein Wort?!“
Er druckste herum. „Na ja, ich hab ja angedeutet das ich –“
„Na toll! - Du Idiot! -  Man!“, ich boxte ihm gegen die Schulter um mich kurz darauf wieder an sie anzulehnen.
Ich versuchte ein wenig mehr Einfühlsamkeit an den Tag zu legen, weil sie mir mehr Informationen von Farin beschaffen konnte, als meine dominantere und gefühlsintensivere Anschrei-Version es jedes gekonnt hätte.

„Woran ist es gescheitert?“
„Ich weiß nicht so genau. Ich stand bei denen vor der Tür aber dann dachte ich, das ist Schwachsinn. Ich bin ihr wahrscheinlich gar nicht so wichtig und brauch doch nicht jedem Menschen den ich kenne gleich persönlich auf Wiedersehen zu sagen, nur weil ich mal ein paar Tage verreise.“
„Monate.“
„Macht doch keinen Unterschied. Aus den Augen aus dem Sinn.“
Er klang ein bisschen frustriert, auch wenn der Frust seinen Ursprung sicher nur in Farins eigenen Zweifeln hatte.
„Darf ich dich was fragen?“ Ich wusste das Farin auf so eine Formulierung viel eher ansprang, als auf jede Direktheit. Er zuckte die Schultern, aber es war wie ein „Ja“ zu behandeln.
„Wie war denn dein Verhältnis zu Eva nachdem Körk – also, sie sagte doch, da in dem Krankenhaus als sie dich besucht hat, das du dich um sie gekümmert hättest. Ich hab nie was davon mitbekommen.“

Farin der sonst immer so lockiger und schlacksig wirkte, wurde steif und kantig. Es gab vermutlich viele Erinnerungen an diese Zeit, die er ungern aufwühlte, und ich kannte da auch so einige.
„Ja, ich hab sie ein paar Mal besucht… das war keine große Sache. Sie war immer sehr nett und sie ist so unglaublich stark gewesen. Sie hat nie vor mir geweint und ich hab den Anblick ihrer Töchter schon kaum ohne Tränen vergießen ertragen können. Aber ich hab mich nie Wohl dort gefühlt, ich dachte immer, sie spielt das nur, verstehst du? Sie spielt das, weil ihr Verstand ihr vielleicht sagt, das ich nicht schuld an Körks Tod bin, oder weil sie einfach höflich ist, oder so. Dem Mörder meines Partners hätte ich jedenfalls nicht zum Kaffee trinken eingeladen. Ich konnte nicht glauben, dass das was sie von sich zeigt, das ist, was sie fühlt.“
„Hat sich das jetzt geändert?“
Es folgte nur eine ratlose Miene und Schweigen. Ich wollte nicht weiter bohren und spürte, dass das dieses Gespräch in eine ungute Richtung verlief.
„Ich hab zwar kein Abschiedsgeschenk, aber einen Brief von der ältesten Tochter, den ich fast so gut beschütze wie du deinen Bierdeckel.“ Er lächelte zaghaft. „Magst du ihn lesen?“
Es war mir fast ein wenig unangenehm soweit in Farins Privatsphäre vorzustoßen, aber nun abzulehnen erschien mir als zu heftigen Schlag vor den Kopf. Also nahm ich vorsichtig den oft gefalteten Zettel an mich und begann zu lesen.


Lieber Jan,

Ich schreibe dir, weil ich dir etwas gestehen muss und Mama sagt, wenn man sich nicht traut etwas zu sagen, dann soll man es der Person schreiben.
Als du letzte Woche bei uns warst hab ich dich und Mama beobachtet wie ihr abends im Wohnzimmer saßt.

Und an dieser Stelle stoppte ich kurz und hoffte, dass es nun keine intimen Details gab, die die Kleine zwischen dem Blonden und ihrer Mutter beobachtet hatte.

Du sahst merkwürdig aus und Mama hat mir später erzählt, dass du traurig gewesen bist, wegen Papa, weil er nicht mehr da ist.
Ich bin auch oft traurig und weine weil er nicht mehr nach Hause kommt, aber ich kann dir sagen, es ist nicht schlimm wenn man weint. Und wenn ich ihn so sehr vermisse das ich es aus kaum aushalte, dann schleiche ich mich in sein Musikzimmer mit meiner Decke, und mache Musik von ihm an, und wenn ich dann die Augen zumache, dann ist es als wäre er da. Da kann ich ihn sehen.
Wenn du mal wieder traurig bist Jan, dann können wir uns ja zusammen da hinsetzen. Das wollte ich dir eigentlich nur sagen.

Es ist schön das du so oft bei uns bist, aber ich würde mich noch mehr freuen wenn du bei deinem nächsten Besuch mehr Schokolade mitbringst!

Ich hoffe du kommst bald wieder.
Josephine


„Sie ist zwölf.“, sagte Farin als ich ihm gerührt und sprachlos den Brief zurückgab. „Ich hab ihr Angebot noch nie angenommen, aber ich sollte es mal tun.“
Ich versuchte mir das kleine Mädchen vorzustellen das hinter dieser Schrift steckte.

„Du hast gesagt, du hast dich nicht verabschiedet, weil du Eva sowieso nicht so wichtig bist.
Mein Lieber, soll ich dir mal was sagen? Selbst für den praktisch möglichen aber nicht zutreffenden Fall das Eva tatsächlich nur ihre Höflichkeit auslebt, dieses kleine Mädchen hast du ganz ordentlich beeindruckt. Und sie dich wohl auch, wenn du ihren Brief so in Händen hältst.“
Farins Blick wurde glasig und ich konnte ihm ansehen wie sich seine Gedanken überschlugen. Aber er schwieg nur und am Ende einer langen, ruhigen Phase sagte er teilnahmslos: „Glaube ich nicht.“
Ich ärgerte mich den ganzen Flug darüber, dass ich die Stimmung zerstört hatte und Farin urplötzlich das nachdenkliche, distanzierte Gesicht an den Tag legte, dass er sonst nur bekam wenn wir über die Stalker sprachen. Aber jetzt war es zu spät, gesagtes rückgängig zu machen.

28.4.09 12:52
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


babs (29.4.09 18:05)
Na, zum glück les ich nich bei myff ;D

Haaach, was soll ich sagen?
Bela-putzig
Farin-putzig
Rod-putzig
*lach*

Und Bela tut mir leid ... nur so nebenbei. Ist doch gemein, man!!!

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