Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst

(Heute wurden zwei Teile gepostet, also besser erstmal den unter diesem hier lesen! Kapitel 18 - Part 11!)

 

Meine Finger war kaum von der Klingel gerutscht, als Farin mir auch schon die Tür öffnete, hektisch und ein bisschen in Eile, er widmete mir keinen bewussten Blick, nuschelte nur ein „ach, du bist’s“ und kniete dann schon wieder vor der Tasche, die im Wohnzimmer ausgebreitet auf dem Boden lag.

Seine kühle, fast distanzierte Art hätte jeder andere wohl als unhöflich empfunden in einem Augenblick wie diesem, aber ich kannte die Momente und Tage in denen man an den eigenen seelischen Abgründen stand. Und dann war man eben nicht mehr höflich, dann war man ehrlich und fühlte sich auch in Gegenwart anderer elendig.

 

Schweigend und ein bisschen von Mitleid gepackt setzte ich mich auf das Sofa, betrachtete Farin wie er mit dem Rücken mir zugewandt packte, ließ den Blick über die Zeitung wandern die neben mir lag und stutzte dann. Die Nachrichten waren längst nicht mehr aktuell, das Exemplar mehrere Monate alt, die Seiten verknittert und ausgefranzt und ich fragte mich, ob es Zufall war, dass ich auf Danielas Todesanzeige sah.

 

Die Zeit im Krankenhaus war von Wiedersehensfreude geprägt gewesen. Das Racing Team war gekommen, auch Rodrigo natürlich der, und das nur zur Info am Rande, Diana mit Zunge geküsst hatte, Franzi und Böhm, Familienangehörige.

Wir hatten gar keine Zeit gehabt uns Gedanken über das zu machen, was geschehen war.

Aber dann kamen die Verhöre, die Aussagen die wir zu machen hatten, Fotos vom Tatort, Beweise die wir zu identifizieren hatten, einsame Nächte, ruhige Stunden und das Alleinsein. Und dann wütete es immer, heimlich, leise, aber schmerzvoll. In uns allen.

Nur in Farin nicht.

 

Farin war wieder „der alte.“ Ganz so, wie wir alle wieder „die alten“ waren, aber nicht mehr die gleichen. Der Unterschied zwischen ihm und uns, Bela, Diana und mir, lag darin, dass er eine retrograde Amnesie davongetragen hatte und wir nicht.

Er erinnerte sich einfach nicht mehr an die Zeit im Keller des Bauernhauses.

Er wusste nichts darüber. Nichts.

Aber oft machte es den Eindruck, als würde ihn das nicht  wirklich entlasten.

 

Mein Blick fiel erneut auf die alte Zeitung.

„Warst du bei Danielas Beerdigung?“

Er hielt inne und blieb eine Sekunde lang bewegungslos vor seiner Tasche sitzen, bevor er geschäftig weiterpackte. „Nein.“

 

Wir hatten es ihm erzählt. Wir hatten ihm erzählt das sie dabei gewesen war, das sie zu den Stalkern gehörte, dass sie gestorben war, auch wenn wir uns mit Details zurückhielten. Aber er erinnerte sich nicht eigenständig daran, nicht an das was sie während der Geiselhaft gesagt und getan hatte und deshalb wussten wir nicht genau, wie Leid ihm ihr Tod tat. Ob er einfacht nichts mehr für sie empfand, wie wir, oder ob er litt.

„Wolltest du nicht hin?“, fragte ich vorsichtig, um etwas aus ihm rauszuquetschen das mir helfen könnte, ihn zu verstehen.

„Wozu? Ich habe sie nicht gekannt, oder?“ Eine bedeutungsvolle Stille füllte den Raum für einige Minuten, erst dann fuhr er weiter packend fort. „Habe ich jemals ein Wort mit ihr gewechselt? Habe ich je eine Antwort bekommen die von ihr kam und nicht Teil des eingetrichterten Plans der Stalker war? Ich hab sie nicht gekannt, was soll ich da Dreck auf ihren Sarg werfen und mir Pfarrergelaber geben.“

 

Seine Stimme hatte einen resignierten Ton angenommen, aber zumindest klang er nicht so, als fühlte er sich für ihren Tod verantwortlich.

Mit ziemlich viel Gewalt zerrte er an den Reißverschlüssen der Tasche, die sich verhakt hatten. Schließlich fluchte er, stand auf und kickte sie unsanft beiseite.

„Farin, wenn du doch lieber alleine verreisen willst, dann kann ich das verstehen. Sag’s mir bitte, wenn’s so ist.“

„Nein, nein!“ Er hob beschwichtigend die Hände und setzte sich auf sein Gepäck, sah mich zaghaft lächelnd an und schüttelte langsam den Kopf. „So darfst du das nicht interpretieren! Ich bin froh das du mitkommst.“

„Wirklich?“

Sein Blick verlor sich auf dem Boden, er sah müde aus und traurig.

„Ja, wirklich. – Weißt du, ich“, ein lautes Schlucken unterbrach seinen Redefluss für einen kurzen Moment, „ich habe Angst vor dem Tag an dem meine Erinnerung zurückkommt und vielleicht passiert das ja nie, oder aber auch schon in eins zwei Tagen.“ Er seufzte, legte den Kopf schief und sah mich mit einer Miene an, als wäre ihm peinlich was er sagte.

„Heute morgen bin ich wachgeworden mit einem Gefühl das mich fast zerissen hat. Ich erinnere mich nicht an die Tage dort, aber ich weiß, dass dieses Gefühl aus dieser Zeit stammt, es ist wie ein Teil der Erinnerung, verstehst du? Es ist nur ein Teil. Kein Bild, kein Ton, kein Wortfetzen, nur dieses Gefühl. Aber es ist so schrecklich, dass ich mich frage, wie schlimm es dort wohl gewesen sein muss, und wie schlimm es sein wird, wenn ich mich an den Grund für mein Empfinden erinnere. Und sollte ich mich eines Tages erinnern, sollte es einfach so über mich hereinbrechen, dann weiß ich nicht, wie ich das aushalte. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ihr das aushaltet. – Aber vielleicht habe ich Glück und es geschieht in einem Augenblick, in dem ich nicht allein bin.“

Er sah mich an und sein Blick brach mir das Herz, aber dann lachte er und machte seine Worte fast ein bisschen ungeschehen damit.

 

„Und überhaupt, wer soll den ganzen Wagen mit unzähligen Schuhen und unnötigem Gepäck zumüllen, so dass ich draußen schlafen muss, wenn du nicht mitkommst? Aber denk nicht das ich alleine im Wüstensand penne, nur weil du nicht mal ein bisschen spartanischer Leben kannst!“

Ich grinste und zog ihn neben mich auf das Sofa.

Er nahm meine Hand und sagte mit anzüglichem Lächeln: „Und Babe, schon von Bela verabschiedet? Wir fliegen morgen früh, es wird Zeit.“

„Ja…“, ich murmelte vor mich hin. „Ich weiß. Und du? Du und Eva? Habt ihr euch schon Tschüss gesagt? Aus sicheren Quellen habe ich gehört, du verbringst verdächtig viel Zeit bei ihr, Herr Urlaub?!“

„Rod.“

„Was?“

„Du hast das von Rod.“ Ich zuckte nur vermeintlich ahnungslos die Schultern.

„Erinnere mich daran das ich ihn in einem unbeobachteten Moment totschlage, ja?“

„Ist drin, wenn du mir meine Frage beantwortest.“

 

Er wiegte denn Kopf hin- und her, lächelte verlegen, ließ den Blick an die Decke wandern und sagte dann: „Wird wohl bald Zeit, hm?“

Ich nickte eifrig.

„Okay.“ Er überlegte kurz und schlug dann enthusiastisch vor: „Hier, was hältst du davon? Wir ziehen jetzt los um uns zu verabschieden und erzählen uns dann morgen früh im Flieger die dramatischen Szenen?“

„Und die intimen Details!“

Er nickte und wir gaben uns die Hand darauf.

 

 

 

6.4.09 00:46
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


babs (6.4.09 10:02)
Ich fasse mal eben beide .. ähm .. Kapitel zusammen:
Super. Klasse. Daumen hoch. Spitzenklasse. Besser geht's nicht!!!!!

Das ist zumindest auch mal eine, naja "realistische" Situation, wie die da im Keller gehalten wurden und wie sie rauskamen. Und was da jetzt so passiert. Allerdingst erscheint mir Taya noch ein bisschen zu beruhigt etc. Naja...sie ist einfach nur gefasst und ... hat alles im Griff.

Und zu diesem Kap ... :„Und Babe, schon von Bela verabschiedet? Wir fliegen morgen früh, es wird Zeit.“
Ahaaa??? Hab ich denn schon wieder was verpasst oder überlesen? :D


Der sadistische Autor (6.4.09 14:12)
Danke erstmal für Lob & Kritik.

Und nein, du hast nichts verpasst und nichts überlesen, es wurde nur nicht weiter erwähnt. (Bzw., immer nur angedeutet in der Szene. FU packt, Taya bietet an doch nicht mitzufliegen, ect.) Es gab aber keine Details dazu. Kommen aber noch.


anna (6.4.09 20:28)
find ich gut, mal heller fröhlicher, passend zum frühling


fischkopf-lea (6.4.09 21:51)
Sooo..ich hab jetzt die ganze Geschichte bis hier hin gelesen und bin erst mal sprachlos...so eine tolle, detailierte, realistische emotionale ...(hier bitte weitere positive eigenschaften für ein literarisches werk eifügen) ..Story hab ich noch nie gelesen. Ich bin echt begeistert!! Eine etwas ausführlichere Meinung zu einzelnen Stellen kommt noch, jetzt bin ich erstmal froh, fertig gelesen zu haben...
Wobei ich befürchte, dass ich, da ich jetzt den ganze Tag gelesen habe ( Ferien und Abi rum, schlechtes Wetter, was soll ich sonst tun ) total SÜCHTIG geworden bin...also freu ich mich schon auf weitere Kapitel
Liebe Grüße aus dem Norden

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