Kapitel 18 - Titel s. unten | Part 11

Am nächsten Morgen saß ich wieder aufgekratzt auf meinem Bett, Farin vor mir, der sich an den Händen rumfummelte und gelegentlich irgendetwas unwichtiges erzählte. Er redete dann vom Essen, von der Beleuchtung, den langen Fluren. Niemals erwähnte er die Stalker, er fragte nichts, er redete auch nicht vom Racing Team, ließ Körk in keiner bildlichen Erinnerung auferstehen.

Er war so distanziert das ich mir zeitweise nicht sicher war, ob er sich an all das überhaupt noch erinnerte. Aber seine Stimme war wieder ernst geworden, ich sprach nicht mehr mit diesem kleinen Jungen der sich an mich lehnte, hier, vor mir, saß Farin. Ich wusste nur nicht, wie viel von ihm übrig geblieben war.

 

Ich hörte ihm nicht richtig zu. Ich starrte auf die Tür und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie sich öffnete, das John mich anstrahlte, oder Rodrigo, an dessen Wange dann Diana zu hängen hatte.

Aber sie kamen nicht.

Und als die Tür sich öffnete war ich längst bereit, hatte meine Hand schon an Farins Schulter um mich an ihm abzustützen, aufzuspringen und einem meiner Freunde in die Arme zu springen, doch da war kein vertrautes Gesicht das schüchtern den Kopf hereinstreckte. Im Gegenteil.

Eine Frau in Farins alter, langes, dunkelbraunes Haar das am Hinterkopf wüst hochgesteckt war. Ich hatte sie nie zuvor gesehen.

Während mein Blick immer finsterer wurde begann sie zu lächeln. Ihr Blick traf den des Blonden, sie sahen sich eine Ewigkeit an in der keiner etwas sagte, bis ich Farin in die Rippen stieß. Was war das hier? Liebe auf den ersten Blick?

„Jan.“, sagte sie leise, trat endlich ein und schloss leise die Tür hinter sich, bevor sie sich dagegen lehnte. Offensichtlich wusste sie mit wem sie es zu tun hatte.

Ich sah in Farins Gesicht, bemerkte wie er sich bemühte nicht zu stottern und ließ meinen Blick zwischen der Unbekannten und ihm hin und her wandern.

Also, zugegeben. Diese Frau war wunderschön, mit ihrem schmalen Gesicht und ihrem Porzellanteint, aber nicht so schön, dass ein Farin Urlaub einfach so das Sprechen verlernt hatte.

„Jan, was ist los?!“, sie lachte verunsichert und löste sich von der Tür um einen Schritt auf ihn zuzumachen. Sie machte kaum bemerkbare Anstalten ihn zu umarmen bis er sich aufraffte und sie ganz plötzlich überfiel, als wollte er das schnell hinter sich bringen.

 

„Eva.“ Ich konnte sehen das er sich von ihr lösen wollte, sie ihn aber in ihren Armen behielt. Ein merkwürdiger Anblick.

Sie sah mich über seine Schulter hinweg an und lächelte als würde sie mich kennen, oder als würde ich sie an irgendetwas Wunderschönes erinnern. 

„Eva, was tust du hier?“

„Oh.“ Sie lachte. Es war herzerwärmend. „Immerhin, du erinnerst dich an meinen Namen.“ – „Natürlich.“

War sie seine Stammprostituierte?

 

Sie streckte ihn ein Stück von sich und sah in sein Gesicht. Ich hatte Farin selten so eingeschüchtert gesehen.

„Ich sehe nach dir, Jan. Du hast das auch oft genug gemacht, oder?“

Ihm entglitt ein verlegenes Lachen als er sich von ihr abwandte und sich wieder zu mir setzte. Sie nahm auf dem leeren Bett gegenüber Platz und als ihr Blick mich kurz streifte, reichte sie mir eilig die Hand. „Oh, entschuldige! Ich hab mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Eva.“

Ich schüttelte die graziöse Hand und sah ihr fest in die dunklen Augen. „Eva wer?“

„Eva Aßmann.“

 

Mein unbeeindruckter Blick ließ sie erraten das mir das nichts sagte, obwohl ich glaubte den Namen schon einmal gehört zu haben.

Sie sah vorwurfsvoll zu Farin als hätte der es versäumt mir den Namen samt Bedeutung einzutrichtern und dann fuhr sie freundlich fort: „Körks –“, sie dachte darüber nach, sagte dann leise: „Die Witwe deines Bläserkollegen.“

Uff. Das saß.

Mein Kopf schrie nur immer wieder „brenzlige Situation, BRENZLIGE SITUATION!“ und meine Augen richteten sich wie von selbst ungläubig auf Farin. Wie lang hatte er Körks Frau wohl schon nicht mehr gesehen? Urplötzlich wusste ich was in seinem Kopf vorging. Er erinnerte sich. Viel zu gut.

Da war die Angst das er ins Gesicht gesagt bekam, was er sich selbst die ganze Zeit vorhielt.

Du bist an allem Schuld.

 

Aber hätte er der schlanken Frau ins Gesicht gesehen, hätte die aufkeimenden Tränen bemerkt, das stete Lächeln, so aufrecht wie sie da saß, dann hätte er begriffen das sie nicht hier war um ihn anzuklagen. Weder wegen Körks Tod, noch für die Entführung diesmal.

„Wie geht’s euch?“

Ich nickte langsam und war baff von ihrem plötzlichen Erscheinen. Auf jeden Fall konnte ich verstehen, dass Körk sich in sie verliebt hatte und es versetzte mir einen kleinen Stich umgeben von Krankenhausmief an ihn zu denken.

Farin antwortete nicht, er hypnotisierte den Boden. Es verwunderte mich wie schlecht er seine Angst verbergen konnte.

„Ach, komm her du Arsch!“, pfiff sie, krallte sich den Blonden und brachte es tatsächlich fertig ihn in den Schwitzkasten zu nehmen und sich mit ihm zu raufen als wäre sie männlich und knapp über das achte Lebensjahr hinaus.

Schließlich umarmte sie ihn erneut während beiden die Tränen über die Wangen liefen und dann sagte sie leise: „Ich hab gedacht es passiert mir nochmal. Ich verliere nochmal jemanden den ich –“, sie hielt inne und sah nach oben, „ich dachte nur, ich verliere nochmal jemanden.“

Farin nickte an ihrer Schulter und ich hasste mich dafür, in dieser Situation anwesend zu sein. Die beiden hätten das unter sich ausmachen sollen, ohne meine spionagehaften Augen.

 

Eva lächelte mich an und schüttelte unter seichten Tränen den Kopf als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Ist dieser schlaksige, hagere Typ nicht dein Freund? Wuschelhaare? Blass?“ Sie ließ Farin nicht los während sie das sagte.

Ich spürte mein Herz klopfen und sah ihn bildlich vor mir.

„John?“

„Ja, so oder so ähnlich. Er wartet auf dich im Foyer, glaube ich.“

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen sie für diese kostbare Information auf die Wange zu küssen, und so oder so, sie war Körks Frau. Das war ein bisschen, als hätte ich ihn grüßen können.

Ich stürmte aus dem Zimmer ohne jede weitere Rücksicht und rannte erst mal, bevor mein Kopf den Weg kannte.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich den richtigen Raum gefunden hatte.

Und dann stand er einfach da. Seitlich zu mir.

Unterhielt sich mit Bela der die Arme verschränkt hätte und mich vor ihm bemerkte. Er sah mich nicht, aber er wusste dass ich dort stand. Ganz ruhig nickte Bela dann in meine Richtung was John dazu brachte mich anzusehen, und innerhalb einer Sekunde erkannte er mein Gesicht, stürzte herbei und umarmte mich so heftig und unbeholfen, dass uns das beinah zu Boden riss.

Er weinte, lachte und redete gleichzeitig, er holte nicht Luft dazwischen und ich verstand kein einziges Wort, aber es war garantiert das schönste was ich jemals gehört hatte.

 

Es gibt Menschen, die einen Teil von uns mitnehmen, wenn sie nicht da sind. Manchmal spürt man es nicht, wenn sie gehen. Aber spätestens wenn sie wieder da sind, weiß man, was einem so unendlich gefehlt hat.

Und weshalb nicht das Wetter, nicht das Essen, nicht der ganze andere Rest daran schuld war, dass man sich so unvollkommen und lückenhaft gefühlt hat.

In diesem Augenblick wusste ich, dass John eine solche Person war.

Und ich fragte mich, warum ich ihm nie gesagt hatte, wie toll das war, dass es ihn gab.

Warum ich seinen Eltern nie Pralinen geschickt und mich bedankt hatte, dass sie ihn damals im Vollsuff zeugten, weil das vielleicht das einzige war, was sie jemals richtig und gut machten.

 

Tränen fielen aus meinen Augen die ich kaum spürte, aber als kleine Flecken an Johns Schulter wiederfand. Er drückte mich so sehr das meine Rippen schmerzten, aber ich sagte nichts, weil Johns Gebrabbel so schön war, und weil er so toll roch, und weil ich das vermisst hatte, seine Wange an meiner, und seine knochigen Hände an meinem Rücken, seine Stimme die sich überschlug, die Haare die ihm in die Augen fielen und immerzu verfranzt aussahen. Mein Herz fühlte sich an als würde es aussetzen vor Freude, als würde es Urlaub machen, zur Feier des Tages.

 

Es dauerte bis er sich beruhigt hatte, aber los ließ er mich nicht. Er sah müde aus und blass und war trotzdem wunderschön.

„Ich hätte nicht gehen dürfen, ich hätte nicht gehen dürfen! Du hast es mir noch gesagt! Kannst du dir das vorstellen, wie ich rumsaß und nicht wusste wo du steckst? Und ich dachte, ich bin an allem Schuld, ich bin gegangen, dabei hast du gesagt ich soll bleiben und“, er brach ab um sich über das Gesicht zu wischen. „Taya ich versprech dir, ich hau nie wieder einfach ab ohne mich zu melden, ich weiß jetzt wie schlimm das ist, ich bin wahnsinnig geworden, kannst du dir das vorstellen? Ich wusste gar nicht wohin! Ich meine, wo sollte ich dich denn suchen? Und ich dachte, toll, wie sollen Bela und Farin auf dich aufpassen wo die doch beide betrunken waren? Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf, und es gab so lange keine Spur, so lange!“

„Na Kollege, da hast du uns aber schon ein bisschen unterschätzt. Ich habe bombig auf deine Perle aufgepasst!“, mischte sich Bela lächelnd aus dem Hintergrund ein und zwinkerte mir zu als ich seinen Blick über Johns Schulter hinweg suchte.

 

„Hat er?“ John sah mir misstrauisch ins Gesicht und begeisterte sich haltlos, als ich nickte.

„Bela, weißte, ich hab immer gewusst das du der viel coolere bist, bei den Ärzten und so. Das war mir echt von vornherein klar. Ich meine, du siehst ja auch einfach viel besser aus als Farin! Und wer will denn schon was von Gitarristen? Hallo? Dieser blonde Hüne ist ja wohl – also - “

„Jaja.“ Bela grinste. „Ich hätt‘s auch ohne Lobeshymne gemacht. Lässt sich ja eh nicht mehr rückgängig machen!“

John ließ mich los und gemeinsam sahen wir Bela an, der gluckste.

„Na ja, ich wünsch mir das sicher nochmal… wenn sie mir den Jack Daniels wegsäuft, wenn sie mir ihren neuen Freund vorstellt, wenn sie mutwillig meine Haustür zerstört weil sie sauer ist zum Beispiel. Ja, ich denke, da bietet sich noch die ein oder andere Gelegenheit in der ich sie gern persönlich erschießen würde, aber das ist meist nur ein kurzer Anflug von-“

 

Ich glaube wir waren die einzigen Leute die es lustig fanden, sich auf rutschigen, breiten Fluren Verfolgungsjagden auf Infusionsständern zu leisten und sich dann zu prügeln.

Spielte aber auch keine Rolle.

Ich war wieder bei John. John war wieder bei mir.

Sie konnten mich jetzt getrost aus jedem Ort der Welt rausschmeißen, solang ich ihn mitnehmen könnte, und das würde ich, sollte es mir recht sein.

6.4.09 00:45
 


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