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Gut Ding will sehr sehr viel Weile haben :D Aber hier ist es!
Ich hoffe es ist komplett. Wer mehr von der Story hat, einfach einfügen und mir zurückschicken. xD Aber da sollte nun wirklich jedes Wörtchen drin enthalten sein. Ich glaub nicht das da was fehlt... wäre jedenfalls sehr kurios.

Für alle die .docx Dokumente öffnen können:
http://rapidshare.de/files/48542996/Fuer_immer_bis_morgen_Vista.docx.html

Für alle anderen:
http://rapidshare.de/files/48543009/Fuer_immer_bis_morgen_Word.doc.html
18.10.09 21:09


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Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Der letzte Part überhaupt

Das ist es jetzt also.
Der letzte, letzte, allerletzte Teil. Ich kann's kaum glauben, um 23.12  habe ich ein Projekt beendet, das mich Jahrelang begleitet aber auch verfolgt hat.

Ehrlich und wirklich wahrhaftigen Dank an alle, die immer wieder mehr oder weniger Mühe in ihre Kommentare gesteckt haben, die still mitgelesen oder auch nur weitererzählten. Ihr seid ein zu beachtender Teil Fanfiction geworden & es hat mir sehr viel Spaß mit euch gemacht.

Bevor wir zu sentimental werden: In Kürze wird es hier nochmal ein neues "Kapitel" geben. Da findet ihr dann den Link zur Seite, wo ihr die gesamte FF als Glanzstück nochmal downloaden könnt, wenn's euch überkommt. Steht jedem frei.

Ansonsten, genießt die letzten Sätze. Ich hoffe ich bin jedem gerecht geworden, mir jedenfalls schon.
Vielleicht liest man sich ja mal wieder, es würde mich freuen.
Stay proud.











Farins Blick sollte mir wohl sagen, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.
Aber mit kam er trotzdem.

Auf der Rückfahrt fing es an zu regnen und Farin und ich saßen augenblicklich fröstelnd auf der Rückbank während Rodrigo von den geburtsvorbereitenden Kursen erzählte und von Diana die „unter den Hormonumstellungen so langsam einen aggressiven Touch“ bekam.
„Willst du damit sagen sie ist noch schlimmer als sonst?“
Farin erntete für diese kritisch gestellte Frage zu Rods Angebeteter einen bitterbösen Blick durch den Rückspiegel und lächelte erstmals wieder. „Respekt das du da bis jetzt noch ohne gebrochene Nase rausgekommen bist, mein Freund!“

Rodrigo kannte den Weg zu Evas Haus und ich war froh darum, dass er nicht auf eine Wegbeschreibung von Farin angewiesen war. Der hätte es fertig gebracht uns zum falschen Haus zu schicken und dann mit dem nächsten Taxi nach Hause zu fahren, wenn wir um die Ecke verschwanden.
Evas Haus war wunderschön.
Es sah aus wie eine hölzerne Villa aus den Zeiten des Wilden Westens, nicht weit entfernt von Berlin. Hunderte kleine Blümchen zierten den Weg vom Bürgersteig bis zur Haustür und in den Fenstern sah ich Basteleien der Kinder, die durch die Regen verhangenen Fenster regelrecht leuchteten. An der Seite konnte ich den Anfang einer riesigen Veranda sehen, mit großen Bastmöbeln auf den hellen Dielen des Holzes. Und während ich mich in dem Anblick des zauberhaften Hauses verlor sah Farin mehr denn je skeptisch zu ihm auf.
„Ich nehm dein Gepäck mit wenn du magst.“, sagte Rodrigo um ihn damit aus dem Auto zu scheuchen. „Weiß ja nicht was das für’n Eindruck macht, wenn du schon mit Koffern vor ihrer Tür stehst. Die Arme denkt noch, du willst bei ihr einziehen!“ Der Chilene wandte sich in seinem Sitz um und grinste frech. Das war die Revanche für den Seitenhieb auf Diana.

Farin seufzte laut und sah erneut nach draußen. Der Regen prasselte gleichmäßig auf das Autodach und klang fast wie der Trommelwirbel vor dem Ausstieg des Blonden. „Ja, ja mach mal.“, sagte er gleichgültig, zuckte die Schultern und öffnete die Tür. Ich lehnte mich auf die Seite und rief ihm nach, bevor er sie zuschlug: „Und schick mal was durch, wie’s gelaufen ist!“
Er hatte gerade einen Schritt auf das Grundstück gesetzt als Eva die Tür öffnete, sich lächelnd gegen den Rahmen legte und ihn mit verschränkten Armen ansah. Und Farin sah aus, als würde er sich nie wieder wegbewegen wollen.
Rodrigo drückte aufs Gas und überließ die beiden ihrer Eigeninitiative.
„Bist du bekloppt? Jetzt wo’s spannend wird haust du ab?“
„Na hör mal, ich stell mich ja wohl auch nicht vor Belas Schlafzimmerfenster wenn du ihn aufreißt, oder?“
„Aber du würdest gerne!“

Rodrigo lachte und klopfte neben sich auf den Beifahrersitz. „Na komm Schnecke, gesell dich noch ein paar Minuten zu mir, bevor ich dich die nächsten drei Wochen nicht zu Gesicht bekomme weil du sie in den Klauen des Grafen verbringst.“
Während der Fahrt von der Rückbank auf den Beifahrersitz zu klettern war am heutigen Tag neben Farin sicher die größte Herausforderung. Das mit Bela würde ganz geschmeidig laufen.

„Und, wie wird er denn heißen?“ Die Ultraschallbilder lagen vor mir auf dem Armaturenbrett.
„Louis.“ Rodrigo platzte vor stolz. „Dir ist schon klar das du Tanten ähnliche Pflichten zu erfüllen hast?“
Mein Blick verfinsterte sich ungewollt. Ich mochte ihn nur ungern in seiner Euphorie bremsen aber es schien ihn wenig zu stören.
„Ich nehm ihn erst wenn er süß ist und noch nicht nein sagen kann, oder widerspricht! Und sobald er das kann, werde ich ihn mit Freuden an dich zurückgeben!“
„Der ist von Anfang an süß!“ Rodrigo deutete während dem fahren auf die Ultraschallbilder und drückte sie mir erneut in die Hand. „Guck doch mal das putzige Gesicht an!“
„Ja, total. Du meinst dieses schwarz-weiß-schlecht-gepixelte-eierförmige-Ding?“
„Wir können ja später vergleichen ob das von dir und Bela schöner aussieht.“, witzelte Rod und erntete sofort verbalen Protest.

„Nun ja.“ Er parkte in Belas Einfahrt, steckte mir den Schlüssel zu und deutete zufrieden auf die Haustür. „Viel Erfolg Mädchen.“ Lächelnd ließ er sich umarmen und fuhr dann sofort wieder los, nachdem ich ausgestiegen. Ich fragte mich warum er so wenig natürliche Neugier besaß.
Der Regen prasselte auf mich hinab und erinnerte mich damit daran in welchem Land ich mich befand. Aber selbst die dunklen Wolken, der schneidende Wind und die Regentropfen auf meiner Haut, die Pfützen im Kies, die ungeputzten Fenster, die noch verschlossene Tür waren wunderschön wenn ich bedachte, das sie alle Teil des Tages waren, an dem ich zum ersten mal etwas bewusst und entschlossen richtig tat.
Und das es das war, fühlte ich, als ich den Schlüssel in das Schloss schob und umdrehte.




_ _ _


 
_ _ _





Er hörte aus der Küche geschäftiges Klappern mit Geschirr und mehrmals die Kühlschranktür, wie sie unsanft auf- und zugeschoben wurde, während er vor dem noch schwarzen Bildschirm saß und wartete.
Es konnte nichts schief gegangen sein, das wusste er.
Sie liebte ihn, er liebte sie. Ein unkompliziertes Ding, wenn man von den vergangenen Jahren absah.
Aber er kannte Taya gut genug um zu wissen, dass sie in ihrer Mail sicher etwas bereithielt, was ihn amüsieren könnte. Und er wollte sich nur noch einmal bestätigt darin wissen, dass alles gut gegangen war.

„Was tust du da?“
Unvorbereitet sprang das braungelockte Mädchen auf seinen Schoß, rutschte von seinem linken auf das rechte Bein und wieder zurück, und verfehlte während sie sich abstützte nur knapp seine Weichteile, was Farin einen Moment die Luft anhalten ließ.
Sie war so grazil.
 „Was machst du?“, fragte sie erneut nörgelnd und lehnte sich an ihn an, während er das Internet startete um nach seinen Mails zu sehen.
„Ich sehe nach ob mir eine Freundin geschrieben hat.“
„Weshalb?“

Er würde sich an die Fragerei gewöhnen müssen, dachte er lächelnd. Er würde sich daran gewöhnen müssen das Kinder um ihn herumturnten, dass sie ihn mit großen, braunen Augen ansahen und löcherten, bis sogar seine Schamgrenze erreicht war.
„Sie wollte mir schreiben ob es mit ihrem Freund geklappt hat.“ Er überdachte die Formulierung und sagte dann: „Ich will wissen ob sie mit dem Mann zusammen ist, den sie liebt.“
Er überlegte ob ein kleines Mädchen in diesem Alter, nicht älter als eine handvoll, die Tragweite eines solchen Satzes überhaupt erfassen konnte. Wahrscheinlich nicht.
„So zusammen wie du und Mama?“
Er legte seinen Kopf auf ihren und lächelte zart.
„Ja, so wie ich und Mama.“

Er sah die Email mit Tayas Absender und das Zeichen für einen Anhang. Er war vielleicht noch nicht der geborene Vater, aber dass es fahrlässig war eine bald fünjährige auf Fotos von Taya loszulassen, die er zuvor noch nicht gesehen hatte, war ihm bewusst.
Um Pauline die Sicht zu versperren legte er ihr die Hand über die Augen und klickte auf die Dateien. Als er sie erblickte lachte er so ungehalten und laut, dass das Mädchen fürchtete es könnte etwas verpassen, weshalb es sich energisch die Hand des großen Mannes von den Augen zog und auf den Bildschirm sah. Dann runzelte sie die Stirn.
„Was macht die Frau da?“

Farin wollte einfach keine kindgerechte Erklärung dazu einfallen.

„Warum ist sie angezogen in der Badewanne mit dem nackten Mann?“
Dem Blonden wären noch tausend weitere Fragen eingefallen.
Warum hatte sie einen roten Abdruck auf der Wange, der verdächtig nach Ohrfeige aussah? Wieso hatte Bela sich, aber nicht Taya ausgezogen? Wie lange hatten sie für dieses Foto posiert, das offensichtlich mit Selbstauslöser gemacht worden war? Warum ließ sich Bela einen Knutschlfeck auf der Stirn gefallen?

Unter dem Foto stand nur:
Es ist noch komplizierter und katastrophaler abgelaufen, als das Foto vermuten lässt. Wir quatschen bei Gelegenheit drüber.

„Ist das deine Freundin?“
Paulines winzige Finger deuteten auf das lächelnde Gesicht von Taya. Farin nickte.
„Aber man geht nicht angezogen in die Badewanne, oder?“, empörte sich das kleine Mädchen und sah seine Welt auf den Kopf gestellt.
„Da siehst du mal. Sie ist fünf mal länger auf der Welt als du, und weiß das noch nicht. Du bist ganz schön schlau!“ Sie lachte und schmiegte ihren Kopf an seine Schulter.
Verrückte Welt.

Er konnte Eva und Josephine in der Küche reden hören und genoss ihre Stimmen in seinen Ohren, bis Pauline auf seinem Schoß zu zappeln begann, von ihm hüpfte und ans Fenster rannte. „Was ist das?“
Er stand auf um ihr zu folgen, hob sie auf die Fensterbank und hielt sie dort fest, um mit ihr das funkelnde Goldstück vor dem Fenster zu beobachten. Es sah aus wie das Überbleibsel eines Armbandes, zumindest war es nicht vollständig. Ein Anhänger, ein goldenes Clowngesicht reflektierte die Sonne und lachte ihnen entgegen. Und während Pauline sich begeisterte, spürte Farin etwas in sich aufkeimen, dass sich nicht gut anfühlte.
Ein Gefühl das ihn warnte, das ihm sagte, das war nicht gut, irgendetwas stimmte nicht. Aber er konnte sich einfach nicht erinnern.
Er wusste es stammte aus einer Zeit die er völlig ausgelöscht hatte, er spürte es an der Art wie ihn das Gefühl beschrie wenn er auf das Clowngesicht sah, wie es sich ausbreitete in seinem Brustkorb und sich auf seine Kehle legte, wie ein Seil das ihn erwürgen wollte.

„Ihr sollt zum Frühstück kommen.“, verkündete Josephine hinter ihnen stolz, was ihre Schwester dazu veranlasste sofort von der Fensterbank zu rutschen.
Aber Farin vergaß den goldenen Clownanhänger nicht so schnell wie das braungelockte Mädchen. Er starrte ihn an und überlegte. Sein Gefühl prügelte regelrecht auf ihn ein, aber es konnte ihm nicht sagen woran er sich nicht mehr erinnerte.

„Mama sagt, wenn du nicht gleich kommst macht sie nie wieder mit dir, was sie letzte Nacht gemacht hat.“ Josephine zerrte an seiner Hand und versuchte ihn Richtung Küche zu bewegen.
Mühsam wandte er den Blick ab und sah in das strahlende Kindergesicht. Und dann dachte er: Es war zwecklos sich Sorgen zu machen.
Und überhaupt.
Wer hätte sich Sorgen machen wollen, wenn er dieses wunderschöne Gesicht und dieses ehrliche Lächeln genießen konnte.

„Hast du gehört Jan?“, rief Pauline aus der Küche und spähte zu ihm herüber. „Mama sagt, sie macht das nie wieder mit dir, wenn du nicht pünktlich bist!“ Und kurz darauf hörte er sie fragen: „Was hast du denn mit ihm gemacht Mama?“
Eva lachte nur.
Es war wieder da. Mit ihrem Lachen war es wieder da. Ein Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit, gleichmäßig verteilt über jede Pore, es füllte ihn aus, es gab ihm Heimat an jedem Fleck dieser Erde. Es zeigte ihm was ihm sein Leben lang gefehlt hatte.
Sorgen waren doch nur Zeitverschwendung.
Es blieb einfach nur zu hoffen, dass dieser Zustand länger halten würde, als nur für immer bis morgen.













Ende.
14. Juni 2009
23:12 Uhr

14.6.09 23:20


Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 4

Ich hoffe ihr verzeiht mir die Ewigkeiten Wartezeiten, Erklärung & Entschuldigungen spar ich mir einfach und beglücke die wohl wenig übriggebliebenen Lesern mit einem saftigen (aber nicht dem letzten Stück!) FF.



 „Du musst dich nicht rechtfertigen nur weil du jemanden liebst Taya. Und wer könnte besser verstehen als ich, dass man sich in Bela verliebt?“
„Na und wie glaubst du wird er reagieren wenn ich einfach so vor seiner Tür stehe und sage: Weißt du was Bela, nach gefühlten dreißig Jahren, zehn gebrochenen Herzen und unzähligen Beleidigungen, nach verbalen Ermordungen und einer Reihe äußerst unfairer Aktionen wollte ich dir nur sagen das ich dich jetzt doch liebe?
Oh, er wird sicher quietschen vor Begeisterung!“

Farin zog langsam den Hut von seinem Kopf, legte ihn an seinen Bauch und funkelte mich an. „Hast du damit gerade zugegeben das du ihn liebst, oder bilde ich mir das ein?“
Mein Herz klopfte verräterisch und schien beinah zu nicken. Schließlich tat ich es auch. „Ein bisschen. Vielleicht.“
„Ein bisschen vielleicht.“ Farin lachte und strich mir sanft die Schweißperlen von der Stirn. „Ich könnte wetten die kommen nicht vom Wetter…“
Er drehte den Hut in den Fingern hin und her und sagte dann lächelnd: „Es wird ihm völlig scheiß egal sein was du vorher gemacht hast. Meinst du er lässt sich eine Gelegenheit nehmen, in der du ihm sagst das du ihn liebst? Er nimmt das eher auf um dich daran zu erinnern, wenn du ihn wieder hasst.“
„Du bist dir sicher?“
„Ich bin mir sehr sicher.“

Farin lächelte weiter milde und sah sich scheinbar am Ende seiner Ziele. Ich hatte wohl keine Ahnung wie viele Gedanken, wie viel Mühe und Hoffnung er in mich und Bela schon setzte, aber offensichtlich war er sich nun sicher, dass sie nicht vergebens war.
„Und was ist mit dir?“, fragte ich vorsichtig und kam aus einem Kreislauf ertappter Gefühle gar nicht mehr heraus. Eigentlich war es ein ungeschriebenes Gesetz gewesen auf dieser Reihe nicht über eventuelle Partner zu sprechen. Für ihn wie für mich.
„Ich? Na ja, mir wird es fehlen das niemand mehr das Equipment zerstört und sich über meinen Fahrstil aufregt, ich werde weniger zu Essen kriegen weil ich alleine weniger gutaussehe als mit dir. Man wird mir keine Esel oder Kamele mehr für dich bieten und somit ist meine finanzielle Sicherheit auch dahin. Aber ich komm schon ganz gut alleine klar.“
„Das meinte ich nicht.“, sagte ich ernst und rutschte ein wenig an ihn heran, ohne dabei aufdringlich wirken zu wollen.
„Ich weiß.“ Er positionierte seinen tief über die Augen. „Aber über das was du meintest, will ich nicht sprechen.“

Er sagte es so bestimmt das es mir beinah die Hartnäckigkeit raubte. Stur konnte er sein, so stur und so ernst, dass sich jeder gute Vorsatz, jedes Vorhaben, jede Gegenparole einfach in Luft auflöste oder sie an der harten Fassade zum zerbröseln brachte.
Aber ich ließ mich diesmal nicht ganz so schnell abwimmeln.
„Urlaub, das ist unfair! – Du bist nicht viel besser als ich! Du trägst deinen Brief auch pausenlos mit dir herum und du liest ihn bei jeder Gelegenheit. Geschichten über Körks Kinder erzählst du mit so viel Liebe, das jedem das Herz aufgeht, der sie hört. Selbst die Einheimischen haben das gesagt und die haben nicht mal die Sprache! Du strahlst wenn du ihre Namen sagst, deine Augen glänzen wenn du über Eva redest oder die Schrift auf den Briefen mit deinen Fingern nachfährst. Du hast dein Handy mitgenommen, nur für den Fall das sie dir schreibt, obwohl wir keinen Empfang haben und sie kein funktionierendes besitzt, und du stehst trotzdem jeden Tag davor und wartest auf eine Nachricht.
Du schreibst Lieder über sie, die schöner sind als alles andere was du je geschrieben hast, und du fragst mich andauernd nach Körk, weil du wissen willst, ob du das darfst; Verliebt sein in seine Frau.
Und ich bin mir sicher es ist das schönste was Körk sich vorstellen kann.“

Ich sah Farin langsam schlucken aber der tiefgezogene Hut versperrte mir die Sicht auf seine Augen. Als ich ihn abnehmen wollte, zog er ihn verärgert zurück.
„Von mir aus kannst du mich zum Flughafen schicken, aber ich werde nicht ohne dich gehen. Ist mir egal wie groß und stark du bist, ich nehms mit dir auf!“
„Und wie stellst du dir das vor? Ich marschier bei ihr auf und sage: Hey Kollegin, ich hab deinen Mann gekillt, aber dich würd ich trotzdem gern flachlegen?“

Er klang wütend und verschränkte ablehnend die Arme vor der Brust, als ich über ihn kletterte und mich vor ihn auf seine Beine setzte. Diesmal war ich schnell genug um ihn von dem Hut zu befreien, bevor er eingreifen konnte.

„Ich weiß nicht wie oft wir dir das noch sagen sollen, aber du hast niemanden getötet!“ Ich nahm sein Gesicht bestimmt in meine Hände und sah ihm beschwörend in die Augen.
„Du bist nicht daran Schuld, Jan. Wir sind nicht daran Schuld! Und sie ist genauso sehr in dich verliebt, wie du in sie! Hast du vergessen was Rodrigo gesagt hat? Sie ist vollkommen aufgelöst bei ihm aufgetaucht, weil du einfach verschwunden bist ohne dich zu verabschieden, ohne nur ein Wort zu sagen das du überhaupt verreist! Du kannst dich nicht ewig vor ihr verstecken und das willst du auch gar nicht. Jetzt hab mal’n bisschen Arsch in der Hose und ran ans Fleisch! Oder willst du das Eva erst hier her kommen muss, um dich mit ungefärbter Mähne und fünf-Tage-Bart aufzureißen?“
Der wässrige Glanz in seinen Augen war sicher auch kein Schweiß und das verlegene Lächeln keine Heuchelei. Er sah mich an, zwei, drei Sekunden und dann umarmte er mich überglücklich. Als hätte er eine Erlaubnis gebraucht, Eva zu lieben.

Er schob mich von seinen Beinen, schubste mich in den Staub, zog die Zügel seines Esels an sich und saß schneller im Sattel als jemals zuvor.
„Ich weiß ja nicht wie du das siehst.“, sagte er und drehte sich halb zu mir um, während er das Tier antrieb. „Aber ich habs ziemlich eilig.“

Die armen Vierbeiner hatten unter unserem euphorischen Aufschwung ganz schön zu leiden, fügten sich aber irgendwann ihrem Schicksal. Dafür entging dem eigentlichen Besitzer ein Ausraster á la Urlaub, denn Farin war zu gutgelaunt um sich über das Preis-Leistungs-Verhältnis zu beschweren und zahlte dankend die, zumindest für Einheimische, horrende Gebühr für die Ausleihe der Tiere.
Der Jeep stand noch an Ort und Stelle und Farin warf nur einen flüchtigen Blick auf die Rückbank, bevor er die Sachen in den Wagen schmiss und sich auf den Fahrersitz setzte. Bei dem Versuch die Landkarte in Rekordzeit aus dem Handschuhfach zu ziehen und sie gleichzeitig zu entfalten zeriss er sie beinah. Nur ein paar graublonde Spitzen lugten hinter dem Papierberg hevor, den er vor sich aufgebaut hatte und auf Augenhöhe hielt.
„Also wenn wir etwa 200 Kilometer nach Südost fahren erreichen wir diesen Fluss an dem wir uns schon bei der Hinfahrt orientiert haben. Am besten wäre es“, er ließ die Karte sinken und sah durch die Heckscheibe in den Himmel, „ha, diese Reiseführer! Der letzte Dreck! Die empfehlen dir doch tatsächlich sich an den Sternen zu orientieren? Entschuldigung?!“

Aber Farin war Feuer und Flamme den Weg zu finden, preschte durch die staubige Landschaft und heizte den Jeep durch jedes Dritte Schlagloch, weil er es in seiner Euphorie einfach übersah.
Die Hälfte meines Sitzes war nass, weil ich es während der bereits mehrstündig andauernden Fahrt nicht geschafft hatte, einen Zeitpunkt zum Trinken zu finden, in dem Farin nicht eines der Schlaglöcher oder einen Graben persönlich grüßte. Und obwohl sich der Inhalt meiner Wasserflasche also größtenteils über die Polster verteilt hatte und nicht in meinem Magen gelandet war, musste ich irgendwann.
Pinkeln passte aber nicht in den rasanten Plan des Farin U.

„Jaaan…“, stöhnte ich und stieß ihm müde in die Rippen. Hitze, Staub, die unruhige Fahrt mit dem Jeep und eine schon seit Ewigkeiten gefüllte Blase machten mir zu schaffen. „Bitte! Wir können doch jetzt wohl mal fünf Minuten halten! Oder soll ich’s einfach laufen lassen?“
Er wandte den Kopf nicht von der Straße ab, obwohl ich ohnehin nicht den Eindruck hatte, dass er diese besonders Aufmerksamkeit studierte, dafür sprach jedenfalls nicht seine Fahrweise. Und nach kurzer Bedenkzeit sagte er: „Na ja, was soll’s? Der Sitz ist doch eh längst nass.“
„Hallo? FÜNF MINUTEN?“

Er hielt nicht und ich murrte vor mich hin. Vielleicht hätte ich ihn nicht allzu sehr in seiner Liebe zu Eva bestätigen sollen. Das kostete mich jetzt eine Blasenentzündung.
Und dann, nur ein paar Minuten später, als wir aus den verlassenen Dörfern kamen und den wüstenähnlichen Teil der Strecke passierte, legte er inmitten der staubigen Piste eine Vollbremsung hin, beugte sich über mich und öffnete mir die Tür.
„Bitte.“, sagte er und grinste dämlich. „Aber jetzt will ich doch auch pinkeln sehen, Freundin!“
Weit und breit nichts außer rotem Staub und aufgerissener Erde.
Das war der übliche Machtkampf den wir schon früher geführt hatten, die dämliche Spaßstreiterei die für Respekt sorgte, gewann man eines dieser Duelle.
Fest entschlossen stieg ich bestimmten Schrittes aus dem Jeep, richtete kurz den Blick zum wolkenlosen Himmel und dachte mir, wenn ich einfach ein paar Schritte hinter den Wagen trete, sieht er wenigstens nicht die ganze Vorstellung.

Mir war bewusst das er in den Rückspiegel blickte, aber ich war mir ebenso sicher das er mich nicht sah. Doch meine ganze Taktik nützte nichts, er legte den Rückwärtsgang ein, verfehlte mich beim vorbeifahren sogar nur knapp und hielt mit der noch offenen Beifahrertür direkt neben mir.
Ausgelassen lachend warf er mir ein paar Taschentücher entgegen und witzelte: „Ich werde Bela sagen das er dich auf ‘ne Runde Pinkelspiele einladen soll, du siehst einfach fantastisch dabei aus!“
Mürrisch erklomm ich den hohen Sitz neben Farin, schlug die Tür kräftig zu und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Und mit dem bösen Blick schaffst du’s sogar in die SM-Gilde!“



Nach zweieinhalb Tagen Rückreise erreichten wir den Flughafen der sich fast ein bisschen wie Heimat anfühlte. Auch Farins Blick war ein einziges Deja-vu, als er mir zähneknirschend einen Teil des Gepäcks abnahm und vorraus humpelte, ächzend vor Schmerz und Anstrengung bis zum nächsten Gepäckwagen.
Nicht einmal die kiloschwere Masse bremste seine Euphorie. Ich hatte immer noch Mühe mit ihm auf gleicher Höhe zu gehen ohne dabei zu hecheln.
„Weißt du wo’s langgeht?“
Ich fragte vorsichtig, denn Farin reagierte derzeit äußerst empfindlich auf jegliche Art von Kritik, aber sein Zickzack-Gang, zwischen den im Vergleich winzigen Indern und den restlichen Ausländern, überzeugte mich nicht von seiner Orientierung.
„Die Liebe wird mir schon den Weg weisen.“, sagte er mit bedeutungsvoller, schwerer Stimme und lachte herzhaft als er meinen angewiderten Blick sah. „Ja, natürlich weiß ich wo es langgeht. Wir waren hier schließlich erst vor siebeneinhalb Wochen!“
 
Farins Nervosität äußerte sich oftmals darin, dass er unglaublich albern wurde. Und Farin war die ganze Flugzeit von gut neun Stunden nervös.
Ich drehte durch.
Er lachte als die Stewardessen mit den üblichen Sicherheitsinformationen begannen, er lachte als wir diese dann auf Englisch mit indischem Akzent hörten, er lachte als sie das Essen brachten, er lachte als die Leuchtanzeigen für die Sicherheitsgurte ausgingen. Ständig lachte er und dann folgte ein: „Ist das nicht witzig?“
Ich hatte Farin nun knapp siebenhundertmal sagen hören „Ist das nicht witzig?“ und fand ihn persönlich mittlerweile alles andere als witzig.

Als er grinsend von der Toilette kam verspürte ich schon einen leise brodelnden Agressionsstau in mir, aber immerhin lachte er nicht. Er saß dann neben mir, packte Josephines Brief aus und in beruhigte damit meine Nerven. Darüber würde er ja wohl kaum lachen können. Und dann kam es.
„Guck mal wie merkwürdig sie das ‚a‘ schreibt. Ist das nicht witzig?“

Ich glaube die Wucht mit der ihm der Schlag am Hinterkopf traf überraschte ihn und setzte ihn für einen kurzen Augenblick außer Gefecht.
„Wenn du noch ein einziges Mal ‚ist das nicht witzig?‘ sagst Urlaub, polier ich dir die Fresse! Von mir aus kannst du dich einpullern wegen zu hohem Blutdruck und Todesangst beim Gedanken an deine Angebetete, oder aus Vorfreude, oder weil alles SO WITZIG ist, aber wenn das noch ein einziges Mal über deine Lippen kommt –“
„Meine Güte!“ Der Schmerz an seinem Hinterkopf musste nachgelassen haben, das verrieten die entspannten Augenbrauen und die wiedergefundene Sprache. „Wenn der Sex mit Bela genauso zärtlich abläuft, tut er mir echt Leid!“ Er funkelte mich an, rieb sich symbolisch den Hinterkopf und vervollständigte den beleidigten Ausdruck mit einem: „Blödes Miststück!“
Den Rest des Fluges gluckste Farin zwar manchmal noch, sah mich dann aber sogleich schuldbewusst an, weshalb er einem weiteren tätlichen Angriff entging.

Ich war irgendwann an seiner Schulter eingeschlafen und erwachte als die Maschine über Berlin kreiste und kurz davor war den Landeanflug zu starten.
Der Gitarrist war nicht gerade der dunkelhäutigste Mensch den ich kannte, aber in diesen Minuten war seine Gesichtsfarbe so weiß, dass er wie eingeschneit aussah.
„Ist dir schlecht?“
Sein Blick wanderte nur mühsam von seinen Fingern zu meinen Augen. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Was ist denn los? Du siehst absolut beschissen aus!“
„Dein Charme ist unvergleichlich.“, brummte er und wandte sich wieder ab. Ich hätte nicht gedacht das der unerschrockene Farin Urlaub nur eine einzige Angst kannte: die vor angebeteten Frauen.

Ich sah meinem Wiedersehen mit Bela wesentlich entspannter entgegen. Die lange Rückreise hatte mir Zeit gegeben mir Worte zurechtzulegen, mich darauf vorzubereiten und nun war ich entschlossen und gewappnet, auf jede Eventualität.
Farins leicht zitternde Hand auf seinem Bein hingegen, zeugte nicht von großer Gelassenheit und einem guten Plan. Er hatte sich in den letzten Tagen wohl einfach in paradiesischen Vorstellungen von einer Zweisamkeit mit Eva verfranzt, aber mental noch nicht geklärt, wie er die herstellen würde.

Während wir die Maschine verließen bombardierte mich Farin mit Informationen die er mir bis hierher verschwiegen hatte und seine Nervosität trug nicht gerade dazu bei, sie leichter verdaulich zu verpacken.
„Rodrigo hat einen zweiten Wohnungsschlüssel von Bela. Er holt dich hier am Flughafen ab, fährt dich zu ihm und drückt dir den Schlüssel in die Hand, dann kannst du ihn ohne Vorwarnung überraschen. Bela wird auf jeden Fall Zuhause sein weil – weil“, während ich keuchend neben ihm herrannte fasste er sich gedankensuchend an den Kopf, „verdammte Scheiße ich weiß nicht mehr warum! Ich hab das abgeklärt – während – als wir da in Indien waren und – na ja.“ Ich konnte ihn immer noch denken sehen. „Egal, es wird funktionieren. Irgendwie ist das organisiert.“
Meinen Dank hörte er nicht.
Wir folgten der Menschenmasse die sich vor uns durch Türe und Gänge schlängelte und uns den Weg wies. Farins Orientierung hatte sich bei seinem seelischen Zustand sicher ausgeschalten weshalb ich für die Wegplanung zuständig war.

Wir sammelten noch unser Gepäck ein und standen dann in den öffentlich zugänglichen Hallen, wo ich auf Rodrigo warten würde und Farin alleine weiterzog. Er bemerkte erst gar nicht das ich stehen geblieben war und stoppte erst kurz vor dem Hauptausgang – dabei hatte ich mich längst damit abgefunden das er ohne jede Verabschiedung von dannen zog.
Er drehte eilig um, kam zu mir zurück und schloss mich fest in seine Arme.
„War schön mit dir so.“, sagte er mit heiserer Stimme und legte seinen Kopf auf meinen. „Und danke für’s in den Arsch treten.“
Ich konnte sein Herz klopfen hören und fühlen und spürte die kalten Hände an meinem Rücken. Das musste Liebe sein.
„Du musst alles entschuldigen falls ich mich gerade daneben benehme.“, fügte er an ohne mich loszulassen. „Aber mir schlottern ein wenig Knie…“
„Tatsächlich? Merkt man gar nicht.“
Strahlend schob er mich von sich, schien die Ironie in meiner Stimme nicht gehört zu haben und sagte noch während er sich umdrehte: „Schick mal ‘ne Mail durch, wie’s gelaufen ist, oder so.“ Und dann verschwand er in den Massen der An- und Abreisenden.


Ich setzte mich auf eine der Bänke, schmiss mein Gepäck zu meinen Füßen und überflog die Menschen um mich herum.
Farins Nervosität war an mir nicht spurlos vorbeigegangen. So langsam ging auch mein Herz schneller als sonst, pochte schmerzvoll gegen meine Brust.
Ich freute mich darauf Bela zu sehen. Wenn ich ihn mir vorstellte musste ich lächeln. Wenn ich die Augen schloss konnte ich ihn riechen, konnte seine Hände auf meiner Haut spüren.
„Taya?!“
Rodrigo sah mich ein wenig skeptisch an und musterte mich aufmerksam als hätte ich eine merkwürdige Krankheit zu verstecken.
Das Lächeln in meinem Gesicht konnte ich nicht unterdrücken und beim Anblick des schwarzhaarigen Chilenen machte mein ganzes Inneres einen freudigen Hüpfer. „Chilenchen!“
Ihn umgab immer noch diese strahlende, beinah heilige Aura und die Glückseligkeit die er ausstrahlte war kaum mehr zu ertragen. Bevor ich irgendetwas hatte sagen können kramte er umständlich ein paar Ultraschallfotos seines Kindes aus dem Geldbeutel und hielt sie mir unter die Nase. „Willst du mal sehen, willst du mal sehen? Also hier – da ist der Kopf und hier, das, das ist also, es wird ein Junge, siehst du?“ Ich sah nichts außer viel schwarzweiß. Aber Rodrigo strahlte mich so glücklich an, dass ich ihm zuliebe gleich ganze Gesichtszüge und vor allem die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Nachwuchs erkennen konnte.

Doch meine improvisierte Kunst im Ultraschallbilder analysieren fand ein abruptes Ende als ich Farin nicht weit von der Anzeigetafel der nächsten Fluge stehen sah. Sein Gepäck neben ihm studierte er die Flugziele der folgenden Maschinen.
Ich drückte Rod seine Fotos in die Hand und ließ ihn mit einem „Warte mal kurz!“ zurück, rannte zu Farin und rempelte ihn ziemlich unsanft von hinten an.
„Wird’s jetzt bald oder was? Du guckst dir doch nicht gerade im Ernst an in welches Land du diesmal abhauen kannst, oder?“
Farins Mimik wechselte von verärgert zu bestürzt und dann zu schuldbewusst.
„Nur ein bisschen…“
„Nur ein bisschen? Du haust nur halb ab oder was?“
Rod erschien hinter mir und betrachtete Farin mit einem schmunzeln. „Da hat dich aber jemand ganz schön im Griff, kann das sein? War ja sicher spaßig in eurem Urlaub.“

Farin rollte die Augen als wollte er sagen: Hast du ‘ne Ahnung. Er sprach es aber nicht aus.
„Ich schlage vor wir nehmen dich mit und setzen dich vor Evas Hütte ab, hm?“, sagte Rod vorsichtig und nickte mit dem Kopf in meine Richtung um zu symbolisieren, dass ich sicher darauf bestehen würde. „Und apropos, willst du mal Ultraschallbilder sehen? Taya sagt, man sieht schon das er nach mir kommt und ich finde da hat sie gar nicht so unrecht!“

Farins Blick sollte mir wohl sagen, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.
Aber mit kam er trotzdem.

11.6.09 14:51


Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 3

Wer war das in Bochum, der mir über Köpfe hinweg zugeschrien hat, dass er diese FF liest und sie toll findet? mag sich mal jemand outen? :D

Ansonsten: Ja, es gibt die FF noch. Verzeiht mir, aber mir fehlt die Zeit fürs schreiben, und die letzten Seiten möchte ich schon noch mit Genuss vollenden. (Das hier ist NOCH nicht das Ende, da kommt noch was! )




Ich lag auf dem Rücken und starrte an die Zeltdecke an der unser kleiner, provisorischer Kalender hing. Farin hatte jeden erlebten Tag sorgfältig durchgestrichen und an diesem Morgen stellte ich fest, dass es eine gute Idee gewesen war. Mein Zeitgefühl hatte keinen blassen Schimmer wie lange wir schon unterwegs waren.
Mit dem Finger in der Luft zählte ich die durchgestrichenen Tage. Es waren 52.
Ich drehte mich auf die Seite und sah Farin eingemummelt in seinem Schlafsack, die mittlerweile grau-blonden Haare standen in alle Richtungen ab, er seufzte leise durch die kaum geöffneten Lippen.
Unter dem Kopfteil seines Schlafsackes lugte der Brief von Körks Tochter hervor.

Wir waren schon mehr als sieben Wochen unterwegs, ich hatte ihn schon mehr als 50 Mal so schlafen sehen und es rührte mich immer noch.

Die Luft im Zelt war stickig und warm. Ich kroch leise aus meinem Schlafsack, steckte Belas Bierdeckel zurück in meine Hosentasche und verbrachte Minuten damit, den Reißverschluss unserer mitwandernden Unterkunft so leise zu öffnen, dass Farin davon nicht wach wurde.  
Es war erst kurz nach Sonnenaufgang und die Luft roch noch nach kühler Nacht und absoluter Ruhe.
Ich fischte noch einen von Farins riesigen Pullis aus dem Zelteingang, zog ihn mir über und ging vorsichtig hinüber zum Klippenrand um mich dort hinzusetzen und die ersten Sonnenstrahlen einzufangen.

Farin mochte es nicht, wenn ich mich in der Nähe irgendwelcher Abgründe aufhielt, und das konnte ich ihm kaum verübeln. Er verbot es mir zwar nicht ausdrücklich, aber sein Blick sprach Bände und als wir am vergangenen Abend unser Zelt auf dieser Anhöhe aufgeschlagen hatten, führte das im Blonden zur regelrechten Konfliktsituation. Er war zwar auch müde und hatte auch keine Lust mehr weiterzugehen, aber in der Nähe der Klippen zu übernachten war ihm ebenso ein Dorn im Auge.
Ob das Leben zuhause sich schon verändert hatte?
Vielleicht, ich meine, möglich war das ja, vielleicht hatte Bela auch jemanden gefunden, der ihm gerecht wurde.

60 oder 70 Meter unter meinen Füßen rauschte leise das Meer und prallte gegen die Felswand. Es glitzerte zaghaft als die ersten Sonnenstrahlen über das Wasser huschten.
 
Vielleicht war er auch umgezogen, weil er es nicht ertrug Rodrigo überglücklich mit Diana zu sehen, die mittlerweile die ersten Ultraschallbilder in der Hand halten musste.

Die ausgedörrte Wiese hinter dem Zelt wiegte sich leicht und geräuschlos in der Meerbrise die sie heimsuchte. Wenn Farin heute bei tageslicht sehen würde, dass wir auch auf Sand und verdorrten Pflanzen anstatt auf scharfem Fels hätten schlafen können, würde er mich sicher verprügeln. Aber ich liebte es in der Nähe der Wellen zu schlafen, auch wenn ich sie nur hören und nicht sehen konnte.

Vielleicht saß er auch bei John in der Wohnung, weil es da immer noch ein bisschen nach mir aussah und weil mein bester Freund ein Meister darin war Geschichten von mir zu erzählen, so lebendig, dass man sie vor seinem geistigen Auge sah. – Was bei peinlichen Geschichten kein besonderer Triumph war.
Der Himmel bekam eine rosarote Farbe und mit ihr wichen die letzten, puderzuckerartigen Wolken. Es würde heute sicher wieder heiß werden, zur Freude unserer Esel, deren Motivation damit wohl gerade gen Nullpunkt sank.

Vielleicht machte er aber auch gar nichts derartiges, vielleicht hatte er sich längst mit allem abgefunden, vielleicht hatte er mich vergessen und vielleicht wäre dieses Kapitel einfach abgeschlossen und vorbei, wenn wir irgendwann zurück nach Deutschland kamen.

„Ich hasse es, wenn du meine Sachen trägst.“
Ich drehte mich ruckartig rum und sah Farin in weiten Shorts vor dem Zelt stehen, mit mildem Lächeln und dem Schlaf noch in den Augen. Sein Blick wanderte unauffällig zwischen mir und dem Abgrund hin- und her und ihm zuliebe rutschte ich ein paar Meter davon ab.
„Immer wenn ich meine Klamotten an dir sehe muss ich zugeben, dass du einfach besser darin aussiehst, selbst wenn’s dir zehn Nummern zu groß ist. Weißt du wie frustrierend das ist? Also das ich mit Rodrigo nicht konkurrieren kann, daran habe ich mich ja gewöhnt, aber mit DIR?“
Er setzte sich neben mich auf den Felsboden, schlang die Arme um die angezogenen Knie und legte den Kopf schief um Richtung Sonne zu sehen.

„Du hast mich schon wieder beim schlafen beobachtet.“, nuschelte er zwischen den Zähnen hervor ohne mich dabei anzusehen.
„Pah, das kannst du doch gar nicht wissen.“
„Doch, bei mir brechen da sofort Stresspusteln aus, und die seh‘ ich schon!“
Ich musterte den halbnackten Körper neben mir von oben bis unten und konnte keine derartigen Geschwüre entdecken. Farin bemerkte den suchenden Blick, grinste mich an und bevor er etwas sagen konnte erklärte ich mir selbst: „Ja, ne. Ist klar. Die befinden sich in deinem Intimbereich, den ich mir natürlich gerne angucken kann, und wenn ich schon mal da bin dann könnte ich ja – ne, lass stecken Blondie. Es wird eindeutig Zeit das wir ‘ne Frau für dich finden, weißt du das? Ich trau mich bald schon nicht mehr neben dir zu schlafen, aus Angst vor sexuellen Übergriffen!“
Er lachte vor sich hin, rappelte sich auf, streckte die porzellanfarbene Haut dem heller werdenden Himmel entgegen und sagte: „Tu nicht so als wäre das nicht in deinem Sinn! – Na komm, lass uns weiterreisen bevor das Eselgetier überhaupt nicht mehr läuft…“

Wir hatten in den vergangenen Tagen schon einige Eskapaden mit den tierischen Begleitern gehabt, aber wenn sie heute das gewöhnungsbedürftige, langsame Tempo hielten, würden wir die Etappe bis zu Farins Jeep schaffen und könnten dann endlich wieder etwas zuverlässiger reisen. Mit diesen Viechern war es die reinste Katastrophe.
Wir bauten schnell ab und packten noch viel schneller zusammen, nach sieben Wochen hatte man das irgendwann einfach drauf. Wir beluden die Esel mit unserem Krempel und schließlich mit uns selbst und machten uns dann in der morgendlichen Sonne auf den Weg.

Farin hatte ein paar Meter Vorsprung weil er mir, freundlich wie er war, wieder das störrischere Tier angedreht hatte und ich schon nach den ersten Metern mit dessen Motivation kämpfte.
„Warum stehst du eigentlich so früh auf?“, fragte er von vorn und wandte beim sprechen den Kopf zur Seite, damit ich ihn besser hören konnte. Der Weg hier durch die Felslandschaft war zu klein, als dass wir nebeneinander hätten reiten können. „Als wir noch mit dem Racing Team unterwegs waren hast du regelmäßig verschlafen und jetzt bist du schon vor Sonnenaufgang wach! Soll mir das irgendwas sagen, Bläserfloh?“
„Ähm – nein?“
„Und jetzt singst du regelmäßig, einfach so, wenn du irgendwo rumplantschst, und zu Tourzeiten musste ich dich mit den fiesesten Mitteln dazu zwingen. Soll mir das irgendwas sagen, BLÄSERFLOH?!“
Ich lachte hinter ihm und musste an die vergangene Tourzeit denken. Ich hatte mich mit Farin tatsächlich nicht immer so rosig verstanden wie jetzt, wobei Daniela offensichtlich geplant, einiges dazu beigetragen hatte.

„Wahrscheinlich hast du ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.“, analysierte er Messerscharf und musste sich halb über seinen Esel legen, um dem tiefhängenden Ast eines Baumes zu entgehen, der ihn andernfalls erschlagen hätte. „Du wolltest einfach ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit… hach. Schön.“
„Ja, sicher! Und die zehntausend bösen Blicke und die gemeine, abweisende Art die du an den Tag gelegt hast, als ich dich genervt hab mit meinem Verhalten! Haha. Der wär ich gern entgangen! Weißt du überhaupt wie sehr ich gelitten hab?“
„Geschadet hat’s dir nicht, netter biste ja auch nicht geworden.“ Er drehte sich um und grinste.

Die Mittagssonne prallte vom Himmel und tauchte die Felder um uns herum in überbelichtete, viel zu satte Farben.
Auf Farins mittlerweile dunkelblond-grauem Haar prangte der Strohhut, den ihm ein Einheimischer geschenkt hatte. Er trug ihn mit Stolz und er verlieh ihm eine glaubwürdige, weise Aura. Einfach nur weil er damit so alt aussah.
Die Esel kapitulierten als es wieder bergauf ging und nach mehreren Stunden eindringlichen Schweigens war der erste Satz von Farin: „Ich denke wir müssen eine Pause machen.“

Also schwang ich gekonnt das Bein über den Rücken den Ungetiers, glitt aus dem ledernen Sattel und rückte mein orangefarbenes Kopftuch zurecht. Es war heiß. Viel zu heiß für meinen Geschmack.
„Du solltest zurück nach Deutschland.“, sagte Farin dann bitterernst als er mir meinen Esel regelrecht aus der Hand riss und ihn neben seinem an einem der Bäume festband. Während ich seinen routinierten Bewegungen zusah fühlte ich mich doch ein wenig getroffen von der direkten Aufforderung zu gehen.
„Na entschuldige mal, aber so schlecht habe ich mich auf diesen Viechern ja wohl nicht gemacht? Und mit dem Zelt?! Ja, okay… es hat die fünf Löcher von mir, aber mittlerweile kommen eben keine mehr dazu! Ich finde –“
Er sah mich an und grinste.
„Doch nicht deshalb du Idiot! Ich finde übrigens, diese Löcher ergeben ein fast funktionierendes Belüftungssystem, und ich würde es vermissen wenn ich dich morgens nicht mehr in meinen Klamotten sehen könnte.“
„Aber?“
Er setzte sich voller Ruhe in den Schatten der Bäume und zog den Hut über die Augen. Und in diesem Moment wusste ich, dass das Taktik war, keine Bequemlichkeit. Er fürchtete ganz bestimmt, dass ich aus seinen Augen die Antwort las, bevor er sie diplomatisch in Worte fassen konnte.
Seine Hände glitzerten vom Schweiß als er neben sich auf den staubigen Boden klopfte und mich neben sich erwartete und ich rechnete mit der größten Abfuhr meines Lebens.
„Du solltest gehen. Einfach weil – Bela.“
Ich schwieg.
„Du stehst auf und suchst nach deinem Bierdeckel, du gehst ins Bett und legst ihn neben deinen Kopf. Du sitzt jeden Tag davor und liest die armselige Botschaft, die du mittlerweile wahrscheinlich schon rückwärts buchstabieren kannst. Wenn es ruhig ist wirst du nachdenklich und dann kriegst du diesen glasigen Blick, den du immer nur dann bekommen hast, wenn es um Bela ging, weißt du was ich meine? Diese Mischung aus ich-hasse-den-verdammten-Arsch und einem aber-was-soll-ich-machen-er-ist-halt-der-Kerl-den-ich-liebe.
Du erzählst jeden zweiten Tag von eurem Abschied und dann wirst du melancholisch und versuchst deine Tränen durch die Nase wegzusaugen, was nie funktioniert. Und wenn du nachts träumst sagst du seinen Namen, wenn du deine Gedanken nicht unter Kontrolle hast, sagst du ihn auch. Wenn der Himmel über uns mit Sternen übersäht ist und du ihn anblickst, kann man dich von ihm denken hören. Du bist voll von ihm. Und da du es selbst nicht zu kapieren scheinst, muss ich dich wohl zu deinem Glück zwingen. Mädchen, du bist in diesen Mann verliebt. Und kannst du mir mal sagen was euch zwei besseres passieren kann, als das du nach Hause fliegst, und ihm das sagst?“

Sein Hut hing ihm immer noch tief ins Gesicht und ich hätte nach seinem gut betonten Monolog einen Kloß im Hals.
„Also nur damit das klar ist.“, fügte er an. „Ich weigere mich dich weiter mitzunehmen. Keinen Meter weiter. Abgesehen mal vom Weg zum Flughafen.“
„Ich bin nicht in ihn verliebt, ich halte es nur nicht aus so mies zu ihm gewesen zu sein. Das sind einfach nur Schuldgefühle. Ich bin nur egoistisch!“
Farin drehte den Kopf und schob den Hutrand ein paar Zentimeter nach oben um mich durchdringend anzusehen. Sein Blick war glaubwürdig, aber mir glaubte er nicht. „Du musst dich nicht rechtfertigen nur weil du jemanden liebst Taya. Und wer könnte besser verstehen als ich, dass man sich in Bela verliebt?“

21.5.09 23:06


Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 2

Myff.de kackt in letzter Zeit ziemlich oft ab, kann das sein?
Weiter gehts.
JETZT stehen wir wirklich sehr kurz vorm Ende. :/








Ich hatte in letzter Zeit ein gutes Gespür dafür bekommen, wo ich Bela suchen musste, wenn ich ihn zuhause nicht fand. Auch diesmal täuschte mich meine Intuition nicht.
Bela saß an der Bar, drehte ein leeres Schnapsglas zwischen den Fingern hin und her, hatte den Kopf gesenkt und starrte auf das dunkle Furnier. Er saß in dem matten und gelben Licht, wirkte, als gehöre er gar nicht hier her. Er sah aus wie ein Bild in der Horde Menschen die sich um ihn herum bewegten.
Ich hing meine Jacke an der Garderobe auf, orderte ohne seine Aufmerksamkeit eine Flasche Jack Daniels und ließ sie vor ihm abstellen.
Erst jetzt wurde er wieder beweglich, hob den Kopf, sah mit hochgezogenen Brauen in das runde Gesicht der Bedienung und folgte dann ihrem Blick als sie in meine Richtung nickte. Zwei, drei Sekunden lang starrte er mich an und dann konnte er sich ein Lächeln nicht mehr verkneifen.
Ich bemerkte das er hingerissen dazu war mich zu umarmen als ich auf den Barhocker neben ihn kletterte, aber er ließ es. Stattdessen reichte er mir zögerlich ein Glas und murmelte der Jack Daniels entgegen: „Du weißt schon das es immer in einer haltlosen Katastrophe endet, wenn wir uns gemeinsam betrinken?“
Ich ließ auf meinen Lippen ein verstohlenes Lächeln als ich ihn ansah. „Und was soll jetzt noch passieren, was uns ernstlich schocken könnte?“

Er goss ein und damit war der Abend, der Abschied eröffnet.

Wir wurden nicht privat. Es war nie eine unserer Stärken gewesen über privates zu reden, über Gefühle, all dieser theatralische Kram eben, den man sich nach dem Teenageralter abgewöhnt.
Es wäre vielleicht der Augenblick dafür gewesen.
Aber wir taten es eben nicht.

Es ging lange um alle anderen. Rodrigo, den man jetzt nur noch überglücklich mit Diana antraf, die zu gewohnter Bissigkeit zurückgefunden hatte.
Um die Gerichtsverhandlung die anstand in einigen Monaten.
Das auf Eis gelegte Racing Team und Die Ärzte, um die es nicht viel besser stand. Und irgendwann ging es um Farin.
 Bela sagte nach einer gefühlten Ewigkeit, und einer langen, schweigsamen Pause: „Ihr fliegt morgen, oder?“
Ich nickte nur. Er klang ein wenig geknickt, vielleicht nahm er es Farin auch übel, das er nicht zu seiner Flugbegleitung geworden war. Die beiden hatten ein merkwürdiges Verhältnis entwickelt. Es gab keinen Streit, keine Schreieren, aber irgedwie war es nicht früher.
Vielleicht kam Bela auch nur nicht damit klar, dass er das wusste, was Farin nicht mehr erinnern aber nicht auf Ewigkeit verdrängen konnte. Und ohne Zweifel kannte Bela ihn immer noch am besten.

Manchmal gehen Menschen auf Abstand wenn sie die tickende Bombe in anderen Spüren. Fremdes Blut auf der eigenen Haut kann unangenehm sein.

„Deshalb bin ich hier.“, sagte ich dann gedämpft und vermied es seine Mimik zu studieren. „Ich wollte mich verabschieden. Wir werden eine Weile weg sein.“
Er nickte nur und kippte eilig ein Glas Jack Daniels. Sein Gesicht verzog sich nicht, seine Lippen pressten sich weiter aufeinander. Er trank das wie Wasser.
„Umarmst du mich dann nochmal?“
Seine Worte trafen mich wie eine verbale Ohrfeige und ich hoffte einfach, dass ihm das rausgerutscht war, das es nur der Jack Daniels war, ein bisschen Verwirrtheit und das er gleich anfangen würde über sich selbst zu lachen.
Tat er aber nicht.
Er starrte auf seine Finger die das Glas immer und immer wieder im Kreis drehten.
„Wenn du jetzt gehst und so lange weg bist, werde ich durchdrehen. Ich werde nachts nicht mehr Ewigkeiten vor meinem Handy sitzen können und überlegen ob ich dir schreibe, weil ich nun weiß, das hat keinen Sinn. Du hast es nicht dabei.
Ich werde dir keine Post schicken, weil Postboten eine Adresse mit „Irgendwo in der Karibik“ nicht finden. Ohnehin würde ich sie nie verschicken, aber ich kann sie zumindest schreiben und auf meinem Schreibtisch vergammeln lassen.
Ach, eigentlich habe ich gar keine Lust dir diesen ganzen theatralischen Schwachsinn zu erzählen. Es ist doch – egal.“
Er nahm nicht mehr das Glas, er nahm die Flasche.
„Wenn du zurückkommst wird alles anders sein, ich weiß das. Farin und du ihr werdet – zwischen euch wird es anders sein, und zwischen uns wird es anders sein. Und mir wird klar werden, während ihr weg seid, dass ich einfach aufhören muss dich zu lieben, weil es keinen Sinn hat. Du liebst mich eben nicht. So ist es nun mal.
Aber so lange ich Zuhause sitzen und Briefe an dich schreiben kann, die nie einen Briefumschlag und eine Adresse sehen werden, solange ich weiß das ich dir mitten in der Nacht eine SMS schicken könnte, nur um dir zu sagen das ich an dich denke, solange du mich ab und zu eines Blickes würdigst, solange ich an deiner Wohnung vorbeifahren kann ohne zu klingeln, solange du mich ab und zu umarmst, einfach, weil du dich freust, so lang kann ich mir einreden, dass es etwas wird, irgendwann. Das ich nur geduldig warten muss und eines morgens wirst du vor meiner Tür stehen und –
Aber was ist wenn du so lange weg bist?
Vielleicht habe ich auch so etwas wie Farin. Vielleicht erinnere ich mich einfach nicht daran das ich weiß, dass das nie eintreten wird. Aber es wird mir bewusst sein wenn ich zwei oder drei Monate, vielleicht ein halbes Jahr lang auf all diese Kleinigkeiten verzichten muss, an die ich mich jetzt klammer. Und wenn du zurückkommst wirst du anders sein. Alles wird anders sein. Vielleicht bist du mir sogar fremd.
Ich will meine Illusion nicht verlieren. Was würde ich ohne sie machen? Jedes Mal das kotzen kriegen wenn ich Rod und Diana sehe? Jetzt denke ich mir einfach, irgendwann gilt soetwas auch mal für mich. Und was soll ich glauben wenn ich dich sehe? Das ist die Frau die du immer wolltest, aber nie gekriegt hast?
Verdammte Scheiße nochmal.“
Erneut ein Schluck aus der Flasche. Jetzt war sie leer.
„Ich bin nicht bereit mich von dieser Illusion zu trennen. Vielleicht bin ich das nie. Und sie bleibt bei mir, mit jeder Kleinigkeit die ich mir von dir erhalte.
Also. – Umarmst du mich noch mal, bevor du gehst?“

Was hätte ich sagen sollen?
Nein du Idiot, es bricht dir das Herz?
Nein, weil, es ist egal was ich tue, es bricht dir sowieso das Herz, also halte ich dich wenigstens auf Abstand?
Er sah mich so misstrauisch-mürrisch an, dass ich nicht ganz wusste wie ich das einzustufen hatte. Aber seine verhärtete Mimik zersprang wie Glas in seinem Gesicht als er meine ausgebreiteten Arme sah.
Mein Magen hat mir nie so sehr weh getan, wie bei dieser Umarmung.

Als ich ihn losließ wurde er nervös, hektisch, weil er wusste, das war das Ende. Von nun an würde es nie wieder so sein wie früher und er hatte recht, wenn ich zurück kam, waren die Dinge anders.
Er suchte nach etwas, sah um sich, dann griff er nach einem Bierdeckel und verlangte von der Bedienung ziemlich ruppig einen Kugelschreiber, den sie widerwillig aushändigte.
„Ich – ich hab jetzt –“, er war nicht Multitaskingfähig. Zu schreiben und zu sprechen gleichzeitig war für ihn zumindest unter Jack Daniels Einfluss eine schwierige Sache. „- gar kein, ich hab jetzt gar kein Abschiedsgeschenk für dich.“
Und dann streckte er mir diesen Bierdeckel entgegen auf dem stand:

Bela grüßt dich mit diesem Beschützer-Bierdeckel. Du solltest ihn bei dir tragen. Am besten in der Unterwäsche!

Als ich rausging, das Abschiedsgeschenk noch in der Hand, die Tür hinter mir scheppernd ins Schloss fiel, der Nachthimmel dunkel über mir thronte und die milde Luft um meine Ohren pfiff dachte ich, jetzt wäre ich bereit zu sterben.



Mitten in der Nacht öffnete ich verschlafen die Haustür meiner Wohnung, die ich mir nun nur noch mit John teilte, und nicht mehr mit Franzi und Böhm. Nachdem die WG abgebrannt war hatten sich unsere Wege gewzungenermaßen getrennt.
Farin stand vor mir, trug einen schwarzen Rollkragenpulli und wirkte müde aber zufrieden. Hinter ihm tauchte Rod auf, der uns zum Flughafen bringen würde. Seitdem Diana wieder seins war, strahlte er ununterbrochen. Sogar um diese Uhrzeit.

Ich ließ die beiden Männer herein und beachtete nicht die spürbaren Blicke die sie meinem Nachthemd gönnten, drückte Farin den obligatorischen Tee und Rodrigo einen Kaffee in die Hand und verschwand kurz in meinem Zimmer um mich umzuziehen. Als ich zu ihnen zurückkam, die Haare gebändigt hatte und in unförmigen Klamotten vor mich hin fror, lachten sie bereits in gemütlicher Runde mit John der sich zu ihnen gesellt hatte.  
Er betrachtete mich mit fürsorglichem Blick als ich meine überraschte Miene nicht mehr verbergen konnte. John war ganz und gar nicht der Typ der sich nachts aus dem Bett quälte.
„Na was denkst du denn? Ich lass dich da nach was-weiß-ich-nicht-wo abhauen für was-weiß-ich-nicht-wie-lange und sage dir nicht mal tränenreich Tschüss? Nee Babe, das kannste grad mal knicken!“
Er klopfte neben sich auf das Sofa und breitete die Arme aus, damit ich mich, müde wie ich war, noch ein paar Minuten ankuscheln konnte, bevor uns Auto und Flughafen riefen.
„Und ihr habt euch vom Rest schon verabschiedet, ja?“ Rodrigo stellte die Frage beiläufig, pustete in seinen Kaffe und sah deshalb nicht den blitzschnellen Blick der zwischen Farin und mir hin und hersprang. Wir nickten nur.
John drückte mich in diesem Augenblick fest an sich und sagte leise neben meinem Ohr: „Eigentlich will ich nicht das du gehst.“


Ich mochte Flughäfen. Ich mochte sie eigentlich, wenn ich diejenige war die wegfliegen konnte. Ich liebte die Anzeigetafeln auf denen jede erdenkliche Stadt stand, fremde Länder, fremde Menschen, Orte die wir nie gesehen hatten tauchten vor uns auf und jedes Mal bedeutete er nur einen Schritt in den Flieger, und dann war man einfach dort.
Nicht so an diesem Morgen.
Ich witterte an jeder Ecke Bela, der vor Liebeskummer starb und einen szenenreichen Abschied brauchte. Ich sah die Ankunftszeiten der anderen Maschinen und fragte mich, wie oft er an diese Flughafen sitzen würde und hoffnungslos darauf wartete, dass wir zurückkehrten und eben nicht alles anders war, als noch gestern Abend.
Ich steckte meine Hand in die Hosentasche um den Bierdeckel zu befühlen und dachte nur, bitte Bela, tu uns das nicht an.

Wir mussten einchecken, es wurde Zeit Rodrigo und John zu verabschieden. Mein bester Freund sah zermürbt aus als er mich im Trubel des Flughafentreibens umarmte. Sein Kopf legte sich schwer auf meine Schulter und seine Hände verhakten sich fest hinter meinem Rücken. Er war so wunderschön und er roch so vertraut – er war wie eine wandelnde Heimat.
Ich holte gerade Luft um die üblichen Belehrungen zu starten als er sagte: „Nein, nein. Ich stell nichts an! Ich weiß ja jetzt wie das ist… ich pass gut auf mich auf. Ich setzte nichts in Brand. Ich bezahle die Miete. Ich putz mir die Zähne. Ich feier keine wilden Partys. Alles was du willst, wenn du nur bald zurück kommst!“ Ich konnte ihn lächeln spüren und streichelte ihm durch die wuscheligen Haare. „Und soll ich dir mal’n Tipp am Rande geben?“
Ich hielt ihm mein Ohr hin um zu symbolisieren das ich daran durchaus interessiert war.
„Verlieb dich in Farin und schnapp ihn dir, Mädchen! Wenn der dich heiratet, haben wir ausgesorgt, ey! Dann wird nur noch Urlaub gemacht, haha.“
Er küsste mich schmatzend auf die Wange und schob mich dann vor sich, vermutlich ein Selbstschutz, bevor er hingerissen dazu war theatralisch und wirklich traurig zu werden.
Durch den Lärm von Lautersprecherdurchsagen und dem stetigen Gemurmel einer sich unterhaltenden Menschenmasse mischte sich Rodrigos und Farins Lachen. Sie lachten herzhaft, klopften sich die Schultern und dann schwebte der Chilene zu mir herüber, breitete die Arme aus und seufzte erfreut: „Haaach Taya. Ein Scheiß das du so lange weg bist!“
Er küsste mich auf die Stirn und zog mich an seine Brust heran, umarmte mich herzlich und fest und dämpfte die Stimme damit John und Farin nicht weiter zuhören konnten. „Nur falls du dir Sorgen machst, so siehst du nämlich aus, ich werde ein Auge auf Bela haben. Alles wird gut Liebling, hör auf so mies zu gucken!“
„Ich guck nicht mies.“
„Und wie du mies guckst! Freu dich, du wirst … na ja, okay. Wenn ich drüber nachdenke. Drei Ewigkeiten mit Farin Urlaub ohne Fluchtmöglichkeit. Na gut. Okay. Okay. Guck so. Von mir aus.“
Er hielt mich weiter in seinen Armen, legte seinen Kopf auf meinen und bekam einen wehmütigen Ton. „Aber fehlen wirst du mir schon.“
„Du mir nicht. Ich hab ja sowieso fast nichts mehr von dir, seitdem ich dich mit Diana teilen muss!“
„Ha, ha, ich immer gewusst das du au mich stehst! Ha! IMMER! Und das du eifersüchtig bist! Tja Babe“, er ließ mich los, strich sich schmierig durch die dunkeln Haare und fuhr fort, „es besteht aber durchaus die Möglichkeit das du dich unserem Harem anschließt.“
„Ne, lass mal stecken. Im wahrsten Sinne des Wortes, haha!“

Farin und ich kehrten den anderen beiden den Rücken zu und stellten uns in die Schlange. Wir waren beinahe dran, als Rodrigo hektisch und außer Atem neben uns auftauchte, uns aus den Wartenden riss und ein paar Meter beiseite zog.
„Hallo? Herr Gonzalez hast du sie noch alle? Wir stehen jetzt gleich wieder fünf Stunden an, damit sie unsere terroristischen Ambitionen untersuchen können, du Depp!“, pfiff Farin ihn erstaunlich verärgert an, was ich auf seine Müdigkeit schob.
„Ja ja, ich weiß, ich weiß. – Ich muss euch nur noch – ich dachte, wenn ihr jetzt so lange weg seid – ich, also Diana will nicht das ich’s schon erzähle, aber wer weiß wann ich euch wiedersehe? Und sonst verpasst ihr ja alles!“
Er hatte die Arme um Farins und meinen Oberkörper gelegt, während John im Hintergrund auf ihn wartet. Eine bedeutungsvolle, mit Lächeln ausgefüllte Stille folgte der nächsten bis er ehrfürchtig verriet: „Ich werde Papa.“
„Im ernst?“ Farins Gesicht bekam bereits eine vorfreudige Farbe und als Rodrigo stolz nickte, begann der Blonde zu lachen, umarmte ihn, klopfte ihm viel zu fest auf den Rücken und startete einen Redeschwall den ich nicht verstand. Der Chilene taumelte glücklich in seinen Armen ein paar Schritte und kurz darauf stand er verlegen und mit seiner engelsgleichen Aura vor mir, Farins Hand noch auf seiner Schulter, und sah mich an als erwarte er eine Erlaubnis von mir für das, was er sowieso längst vollbracht hatte.

„Na hallo? Das ist selbstverständlich großartig!“
Seine Zweifel fielen schlagartig aus seinem Gesicht als ich ihn auf die Wange küsste, ihn umarmte und meine Hande in den wuscheligen Haaren vergrub. „Es ist toll das du so glücklich bist.“, flüsterte ich neben seinem Ohr und drückte ihn noch einmal fest an mich bis Farin und ich uns endgültig der wartenden Schlange stellten, um einzuchecken.
Als wir Rodrigo hinterher sahen wie er lachend mit John aus der Eingangshalle schlenderte, hätte man meinen können, alles in seinem Umkreis bekam eine magische, liebevolle Schönheit.


Der Plastikstuhl bohrte sich in meinen Rücken, Farins knochige Schulter war ebenso wenig komfortabel, die Luft zog ständig unangenehm schneidend an meinem Nacken vorbei und meine Augen brannten vor Müdigkeit.
Ich hasste die Warterei auf Flughäfen und all die anderen Faktoren die einen in den Wahnsinn treiben auf Plätzen wie diesen, aber in dieser Nacht war meine schlechte Laune von Rodrigos Glückseligkeit einfach dahingespült.

„Na wie wars denn jetzt mit Bela?“, fragte Farin dann mit angespanntem Unterton, nachdem er mir seine Jacke über die Schultern gelegt hatte und sich bereitwillig als Kissen missbrauchen ließ.
Ich bemerkte es kaum, aber meine Finger hatten sich längst wieder um den Bierdeckel gelegt.
„Na ja, so wie es zu erwarten war.“, antwortete ich bedrückt und zog Farins Jacke enger um mich. „Ich hab sein Herz gebrochen und bin mit kaum auszuhaltendem schlechten Gewissen davon.“
„Das war alles?“ Farin klang mehr als nur ungläubig, vermutlich weil er wusste, dass kaum ein Treffen bei uns ohne alkoholische Unterstützung stattfand, und diese sorgte letztendlich immer für erhebliche Katastrophen, meist sexueller Art.
„Das war alles.“, bestätigte ich murrend.
„Nicht mal geküsst?“
Ich wurde das Gefühl nicht los das Farin sich das gewünscht hätte.
„Nein. Aber ich hab ein Abschiedsgeschenk bekommen. Willst du es sehen?“
Es war ziemlich privat das mit Farin zu teilen, aber die nächsten Wochen verbrachte ich sowieso mit ihm, früher oder später würde ihm die Affäre zu meinem Bierdeckel auffallen.

Er nickte eifrig und griff dann ungläubig nach dem Stück Pappe, dass ich ihm hinhielt. Er las Belas Gekrakel, dann lachte er und sagte etwas leiser: „Nein Taya, bitte, jetzt sag nicht – nein, das hat er nicht ernst gemeint?!“
Ich grinste, nickte an seiner Schulter und schnappte ihm den Bierdeckel wieder aus der Hand, um ihn sicher zu verstauen. „Er war nun mal verzweifelt!“
„Ha, das glaube ich dir bei einem derartigen Geschenk aufs Wort!“

Ich rutschte noch ein Stück näher an Farin heran, lauschte einem Augenblick dem ruhigen Herzschlag den ich hören könnte und fragte dann mit möglichst beiläufigem Tonfall: „Und bei dir und Eva?“
Er zuckte die Schultern, dann schüttelte er demonstrativ den blonden Kopf.
„Was soll das heißen? Eure Abschiedsszenen fielen spartanisch aus?“
„Ziemlich spartanisch, ja.“
„Weshalb?“
Er zog die Augenbrauen hoch und nahm neben mir eine Haltung ein, die bereit war emotionalgeladene Prügel entgegen zu nehmen. „Na ja, ich – es kam zu keinem wirklichen Abschied.“
Ich richtete mich auf um die schuldbewussten Züge in seinem Gesicht zu studieren. Offensichtlich war er auch nicht ohne schlechtes Gewissen abgereißt.
„Du haust jetzt nicht für Monate ab und sagst ihr davon kein Wort?!“
Er druckste herum. „Na ja, ich hab ja angedeutet das ich –“
„Na toll! - Du Idiot! -  Man!“, ich boxte ihm gegen die Schulter um mich kurz darauf wieder an sie anzulehnen.
Ich versuchte ein wenig mehr Einfühlsamkeit an den Tag zu legen, weil sie mir mehr Informationen von Farin beschaffen konnte, als meine dominantere und gefühlsintensivere Anschrei-Version es jedes gekonnt hätte.

„Woran ist es gescheitert?“
„Ich weiß nicht so genau. Ich stand bei denen vor der Tür aber dann dachte ich, das ist Schwachsinn. Ich bin ihr wahrscheinlich gar nicht so wichtig und brauch doch nicht jedem Menschen den ich kenne gleich persönlich auf Wiedersehen zu sagen, nur weil ich mal ein paar Tage verreise.“
„Monate.“
„Macht doch keinen Unterschied. Aus den Augen aus dem Sinn.“
Er klang ein bisschen frustriert, auch wenn der Frust seinen Ursprung sicher nur in Farins eigenen Zweifeln hatte.
„Darf ich dich was fragen?“ Ich wusste das Farin auf so eine Formulierung viel eher ansprang, als auf jede Direktheit. Er zuckte die Schultern, aber es war wie ein „Ja“ zu behandeln.
„Wie war denn dein Verhältnis zu Eva nachdem Körk – also, sie sagte doch, da in dem Krankenhaus als sie dich besucht hat, das du dich um sie gekümmert hättest. Ich hab nie was davon mitbekommen.“

Farin der sonst immer so lockiger und schlacksig wirkte, wurde steif und kantig. Es gab vermutlich viele Erinnerungen an diese Zeit, die er ungern aufwühlte, und ich kannte da auch so einige.
„Ja, ich hab sie ein paar Mal besucht… das war keine große Sache. Sie war immer sehr nett und sie ist so unglaublich stark gewesen. Sie hat nie vor mir geweint und ich hab den Anblick ihrer Töchter schon kaum ohne Tränen vergießen ertragen können. Aber ich hab mich nie Wohl dort gefühlt, ich dachte immer, sie spielt das nur, verstehst du? Sie spielt das, weil ihr Verstand ihr vielleicht sagt, das ich nicht schuld an Körks Tod bin, oder weil sie einfach höflich ist, oder so. Dem Mörder meines Partners hätte ich jedenfalls nicht zum Kaffee trinken eingeladen. Ich konnte nicht glauben, dass das was sie von sich zeigt, das ist, was sie fühlt.“
„Hat sich das jetzt geändert?“
Es folgte nur eine ratlose Miene und Schweigen. Ich wollte nicht weiter bohren und spürte, dass das dieses Gespräch in eine ungute Richtung verlief.
„Ich hab zwar kein Abschiedsgeschenk, aber einen Brief von der ältesten Tochter, den ich fast so gut beschütze wie du deinen Bierdeckel.“ Er lächelte zaghaft. „Magst du ihn lesen?“
Es war mir fast ein wenig unangenehm soweit in Farins Privatsphäre vorzustoßen, aber nun abzulehnen erschien mir als zu heftigen Schlag vor den Kopf. Also nahm ich vorsichtig den oft gefalteten Zettel an mich und begann zu lesen.


Lieber Jan,

Ich schreibe dir, weil ich dir etwas gestehen muss und Mama sagt, wenn man sich nicht traut etwas zu sagen, dann soll man es der Person schreiben.
Als du letzte Woche bei uns warst hab ich dich und Mama beobachtet wie ihr abends im Wohnzimmer saßt.

Und an dieser Stelle stoppte ich kurz und hoffte, dass es nun keine intimen Details gab, die die Kleine zwischen dem Blonden und ihrer Mutter beobachtet hatte.

Du sahst merkwürdig aus und Mama hat mir später erzählt, dass du traurig gewesen bist, wegen Papa, weil er nicht mehr da ist.
Ich bin auch oft traurig und weine weil er nicht mehr nach Hause kommt, aber ich kann dir sagen, es ist nicht schlimm wenn man weint. Und wenn ich ihn so sehr vermisse das ich es aus kaum aushalte, dann schleiche ich mich in sein Musikzimmer mit meiner Decke, und mache Musik von ihm an, und wenn ich dann die Augen zumache, dann ist es als wäre er da. Da kann ich ihn sehen.
Wenn du mal wieder traurig bist Jan, dann können wir uns ja zusammen da hinsetzen. Das wollte ich dir eigentlich nur sagen.

Es ist schön das du so oft bei uns bist, aber ich würde mich noch mehr freuen wenn du bei deinem nächsten Besuch mehr Schokolade mitbringst!

Ich hoffe du kommst bald wieder.
Josephine


„Sie ist zwölf.“, sagte Farin als ich ihm gerührt und sprachlos den Brief zurückgab. „Ich hab ihr Angebot noch nie angenommen, aber ich sollte es mal tun.“
Ich versuchte mir das kleine Mädchen vorzustellen das hinter dieser Schrift steckte.

„Du hast gesagt, du hast dich nicht verabschiedet, weil du Eva sowieso nicht so wichtig bist.
Mein Lieber, soll ich dir mal was sagen? Selbst für den praktisch möglichen aber nicht zutreffenden Fall das Eva tatsächlich nur ihre Höflichkeit auslebt, dieses kleine Mädchen hast du ganz ordentlich beeindruckt. Und sie dich wohl auch, wenn du ihren Brief so in Händen hältst.“
Farins Blick wurde glasig und ich konnte ihm ansehen wie sich seine Gedanken überschlugen. Aber er schwieg nur und am Ende einer langen, ruhigen Phase sagte er teilnahmslos: „Glaube ich nicht.“
Ich ärgerte mich den ganzen Flug darüber, dass ich die Stimmung zerstört hatte und Farin urplötzlich das nachdenkliche, distanzierte Gesicht an den Tag legte, dass er sonst nur bekam wenn wir über die Stalker sprachen. Aber jetzt war es zu spät, gesagtes rückgängig zu machen.

28.4.09 12:52


Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst

(Heute wurden zwei Teile gepostet, also besser erstmal den unter diesem hier lesen! Kapitel 18 - Part 11!)

 

Meine Finger war kaum von der Klingel gerutscht, als Farin mir auch schon die Tür öffnete, hektisch und ein bisschen in Eile, er widmete mir keinen bewussten Blick, nuschelte nur ein „ach, du bist’s“ und kniete dann schon wieder vor der Tasche, die im Wohnzimmer ausgebreitet auf dem Boden lag.

Seine kühle, fast distanzierte Art hätte jeder andere wohl als unhöflich empfunden in einem Augenblick wie diesem, aber ich kannte die Momente und Tage in denen man an den eigenen seelischen Abgründen stand. Und dann war man eben nicht mehr höflich, dann war man ehrlich und fühlte sich auch in Gegenwart anderer elendig.

 

Schweigend und ein bisschen von Mitleid gepackt setzte ich mich auf das Sofa, betrachtete Farin wie er mit dem Rücken mir zugewandt packte, ließ den Blick über die Zeitung wandern die neben mir lag und stutzte dann. Die Nachrichten waren längst nicht mehr aktuell, das Exemplar mehrere Monate alt, die Seiten verknittert und ausgefranzt und ich fragte mich, ob es Zufall war, dass ich auf Danielas Todesanzeige sah.

 

Die Zeit im Krankenhaus war von Wiedersehensfreude geprägt gewesen. Das Racing Team war gekommen, auch Rodrigo natürlich der, und das nur zur Info am Rande, Diana mit Zunge geküsst hatte, Franzi und Böhm, Familienangehörige.

Wir hatten gar keine Zeit gehabt uns Gedanken über das zu machen, was geschehen war.

Aber dann kamen die Verhöre, die Aussagen die wir zu machen hatten, Fotos vom Tatort, Beweise die wir zu identifizieren hatten, einsame Nächte, ruhige Stunden und das Alleinsein. Und dann wütete es immer, heimlich, leise, aber schmerzvoll. In uns allen.

Nur in Farin nicht.

 

Farin war wieder „der alte.“ Ganz so, wie wir alle wieder „die alten“ waren, aber nicht mehr die gleichen. Der Unterschied zwischen ihm und uns, Bela, Diana und mir, lag darin, dass er eine retrograde Amnesie davongetragen hatte und wir nicht.

Er erinnerte sich einfach nicht mehr an die Zeit im Keller des Bauernhauses.

Er wusste nichts darüber. Nichts.

Aber oft machte es den Eindruck, als würde ihn das nicht  wirklich entlasten.

 

Mein Blick fiel erneut auf die alte Zeitung.

„Warst du bei Danielas Beerdigung?“

Er hielt inne und blieb eine Sekunde lang bewegungslos vor seiner Tasche sitzen, bevor er geschäftig weiterpackte. „Nein.“

 

Wir hatten es ihm erzählt. Wir hatten ihm erzählt das sie dabei gewesen war, das sie zu den Stalkern gehörte, dass sie gestorben war, auch wenn wir uns mit Details zurückhielten. Aber er erinnerte sich nicht eigenständig daran, nicht an das was sie während der Geiselhaft gesagt und getan hatte und deshalb wussten wir nicht genau, wie Leid ihm ihr Tod tat. Ob er einfacht nichts mehr für sie empfand, wie wir, oder ob er litt.

„Wolltest du nicht hin?“, fragte ich vorsichtig, um etwas aus ihm rauszuquetschen das mir helfen könnte, ihn zu verstehen.

„Wozu? Ich habe sie nicht gekannt, oder?“ Eine bedeutungsvolle Stille füllte den Raum für einige Minuten, erst dann fuhr er weiter packend fort. „Habe ich jemals ein Wort mit ihr gewechselt? Habe ich je eine Antwort bekommen die von ihr kam und nicht Teil des eingetrichterten Plans der Stalker war? Ich hab sie nicht gekannt, was soll ich da Dreck auf ihren Sarg werfen und mir Pfarrergelaber geben.“

 

Seine Stimme hatte einen resignierten Ton angenommen, aber zumindest klang er nicht so, als fühlte er sich für ihren Tod verantwortlich.

Mit ziemlich viel Gewalt zerrte er an den Reißverschlüssen der Tasche, die sich verhakt hatten. Schließlich fluchte er, stand auf und kickte sie unsanft beiseite.

„Farin, wenn du doch lieber alleine verreisen willst, dann kann ich das verstehen. Sag’s mir bitte, wenn’s so ist.“

„Nein, nein!“ Er hob beschwichtigend die Hände und setzte sich auf sein Gepäck, sah mich zaghaft lächelnd an und schüttelte langsam den Kopf. „So darfst du das nicht interpretieren! Ich bin froh das du mitkommst.“

„Wirklich?“

Sein Blick verlor sich auf dem Boden, er sah müde aus und traurig.

„Ja, wirklich. – Weißt du, ich“, ein lautes Schlucken unterbrach seinen Redefluss für einen kurzen Moment, „ich habe Angst vor dem Tag an dem meine Erinnerung zurückkommt und vielleicht passiert das ja nie, oder aber auch schon in eins zwei Tagen.“ Er seufzte, legte den Kopf schief und sah mich mit einer Miene an, als wäre ihm peinlich was er sagte.

„Heute morgen bin ich wachgeworden mit einem Gefühl das mich fast zerissen hat. Ich erinnere mich nicht an die Tage dort, aber ich weiß, dass dieses Gefühl aus dieser Zeit stammt, es ist wie ein Teil der Erinnerung, verstehst du? Es ist nur ein Teil. Kein Bild, kein Ton, kein Wortfetzen, nur dieses Gefühl. Aber es ist so schrecklich, dass ich mich frage, wie schlimm es dort wohl gewesen sein muss, und wie schlimm es sein wird, wenn ich mich an den Grund für mein Empfinden erinnere. Und sollte ich mich eines Tages erinnern, sollte es einfach so über mich hereinbrechen, dann weiß ich nicht, wie ich das aushalte. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ihr das aushaltet. – Aber vielleicht habe ich Glück und es geschieht in einem Augenblick, in dem ich nicht allein bin.“

Er sah mich an und sein Blick brach mir das Herz, aber dann lachte er und machte seine Worte fast ein bisschen ungeschehen damit.

 

„Und überhaupt, wer soll den ganzen Wagen mit unzähligen Schuhen und unnötigem Gepäck zumüllen, so dass ich draußen schlafen muss, wenn du nicht mitkommst? Aber denk nicht das ich alleine im Wüstensand penne, nur weil du nicht mal ein bisschen spartanischer Leben kannst!“

Ich grinste und zog ihn neben mich auf das Sofa.

Er nahm meine Hand und sagte mit anzüglichem Lächeln: „Und Babe, schon von Bela verabschiedet? Wir fliegen morgen früh, es wird Zeit.“

„Ja…“, ich murmelte vor mich hin. „Ich weiß. Und du? Du und Eva? Habt ihr euch schon Tschüss gesagt? Aus sicheren Quellen habe ich gehört, du verbringst verdächtig viel Zeit bei ihr, Herr Urlaub?!“

„Rod.“

„Was?“

„Du hast das von Rod.“ Ich zuckte nur vermeintlich ahnungslos die Schultern.

„Erinnere mich daran das ich ihn in einem unbeobachteten Moment totschlage, ja?“

„Ist drin, wenn du mir meine Frage beantwortest.“

 

Er wiegte denn Kopf hin- und her, lächelte verlegen, ließ den Blick an die Decke wandern und sagte dann: „Wird wohl bald Zeit, hm?“

Ich nickte eifrig.

„Okay.“ Er überlegte kurz und schlug dann enthusiastisch vor: „Hier, was hältst du davon? Wir ziehen jetzt los um uns zu verabschieden und erzählen uns dann morgen früh im Flieger die dramatischen Szenen?“

„Und die intimen Details!“

Er nickte und wir gaben uns die Hand darauf.

 

 

 

6.4.09 00:46


Kapitel 18 - Titel s. unten | Part 11

Am nächsten Morgen saß ich wieder aufgekratzt auf meinem Bett, Farin vor mir, der sich an den Händen rumfummelte und gelegentlich irgendetwas unwichtiges erzählte. Er redete dann vom Essen, von der Beleuchtung, den langen Fluren. Niemals erwähnte er die Stalker, er fragte nichts, er redete auch nicht vom Racing Team, ließ Körk in keiner bildlichen Erinnerung auferstehen.

Er war so distanziert das ich mir zeitweise nicht sicher war, ob er sich an all das überhaupt noch erinnerte. Aber seine Stimme war wieder ernst geworden, ich sprach nicht mehr mit diesem kleinen Jungen der sich an mich lehnte, hier, vor mir, saß Farin. Ich wusste nur nicht, wie viel von ihm übrig geblieben war.

 

Ich hörte ihm nicht richtig zu. Ich starrte auf die Tür und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie sich öffnete, das John mich anstrahlte, oder Rodrigo, an dessen Wange dann Diana zu hängen hatte.

Aber sie kamen nicht.

Und als die Tür sich öffnete war ich längst bereit, hatte meine Hand schon an Farins Schulter um mich an ihm abzustützen, aufzuspringen und einem meiner Freunde in die Arme zu springen, doch da war kein vertrautes Gesicht das schüchtern den Kopf hereinstreckte. Im Gegenteil.

Eine Frau in Farins alter, langes, dunkelbraunes Haar das am Hinterkopf wüst hochgesteckt war. Ich hatte sie nie zuvor gesehen.

Während mein Blick immer finsterer wurde begann sie zu lächeln. Ihr Blick traf den des Blonden, sie sahen sich eine Ewigkeit an in der keiner etwas sagte, bis ich Farin in die Rippen stieß. Was war das hier? Liebe auf den ersten Blick?

„Jan.“, sagte sie leise, trat endlich ein und schloss leise die Tür hinter sich, bevor sie sich dagegen lehnte. Offensichtlich wusste sie mit wem sie es zu tun hatte.

Ich sah in Farins Gesicht, bemerkte wie er sich bemühte nicht zu stottern und ließ meinen Blick zwischen der Unbekannten und ihm hin und her wandern.

Also, zugegeben. Diese Frau war wunderschön, mit ihrem schmalen Gesicht und ihrem Porzellanteint, aber nicht so schön, dass ein Farin Urlaub einfach so das Sprechen verlernt hatte.

„Jan, was ist los?!“, sie lachte verunsichert und löste sich von der Tür um einen Schritt auf ihn zuzumachen. Sie machte kaum bemerkbare Anstalten ihn zu umarmen bis er sich aufraffte und sie ganz plötzlich überfiel, als wollte er das schnell hinter sich bringen.

 

„Eva.“ Ich konnte sehen das er sich von ihr lösen wollte, sie ihn aber in ihren Armen behielt. Ein merkwürdiger Anblick.

Sie sah mich über seine Schulter hinweg an und lächelte als würde sie mich kennen, oder als würde ich sie an irgendetwas Wunderschönes erinnern. 

„Eva, was tust du hier?“

„Oh.“ Sie lachte. Es war herzerwärmend. „Immerhin, du erinnerst dich an meinen Namen.“ – „Natürlich.“

War sie seine Stammprostituierte?

 

Sie streckte ihn ein Stück von sich und sah in sein Gesicht. Ich hatte Farin selten so eingeschüchtert gesehen.

„Ich sehe nach dir, Jan. Du hast das auch oft genug gemacht, oder?“

Ihm entglitt ein verlegenes Lachen als er sich von ihr abwandte und sich wieder zu mir setzte. Sie nahm auf dem leeren Bett gegenüber Platz und als ihr Blick mich kurz streifte, reichte sie mir eilig die Hand. „Oh, entschuldige! Ich hab mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Eva.“

Ich schüttelte die graziöse Hand und sah ihr fest in die dunklen Augen. „Eva wer?“

„Eva Aßmann.“

 

Mein unbeeindruckter Blick ließ sie erraten das mir das nichts sagte, obwohl ich glaubte den Namen schon einmal gehört zu haben.

Sie sah vorwurfsvoll zu Farin als hätte der es versäumt mir den Namen samt Bedeutung einzutrichtern und dann fuhr sie freundlich fort: „Körks –“, sie dachte darüber nach, sagte dann leise: „Die Witwe deines Bläserkollegen.“

Uff. Das saß.

Mein Kopf schrie nur immer wieder „brenzlige Situation, BRENZLIGE SITUATION!“ und meine Augen richteten sich wie von selbst ungläubig auf Farin. Wie lang hatte er Körks Frau wohl schon nicht mehr gesehen? Urplötzlich wusste ich was in seinem Kopf vorging. Er erinnerte sich. Viel zu gut.

Da war die Angst das er ins Gesicht gesagt bekam, was er sich selbst die ganze Zeit vorhielt.

Du bist an allem Schuld.

 

Aber hätte er der schlanken Frau ins Gesicht gesehen, hätte die aufkeimenden Tränen bemerkt, das stete Lächeln, so aufrecht wie sie da saß, dann hätte er begriffen das sie nicht hier war um ihn anzuklagen. Weder wegen Körks Tod, noch für die Entführung diesmal.

„Wie geht’s euch?“

Ich nickte langsam und war baff von ihrem plötzlichen Erscheinen. Auf jeden Fall konnte ich verstehen, dass Körk sich in sie verliebt hatte und es versetzte mir einen kleinen Stich umgeben von Krankenhausmief an ihn zu denken.

Farin antwortete nicht, er hypnotisierte den Boden. Es verwunderte mich wie schlecht er seine Angst verbergen konnte.

„Ach, komm her du Arsch!“, pfiff sie, krallte sich den Blonden und brachte es tatsächlich fertig ihn in den Schwitzkasten zu nehmen und sich mit ihm zu raufen als wäre sie männlich und knapp über das achte Lebensjahr hinaus.

Schließlich umarmte sie ihn erneut während beiden die Tränen über die Wangen liefen und dann sagte sie leise: „Ich hab gedacht es passiert mir nochmal. Ich verliere nochmal jemanden den ich –“, sie hielt inne und sah nach oben, „ich dachte nur, ich verliere nochmal jemanden.“

Farin nickte an ihrer Schulter und ich hasste mich dafür, in dieser Situation anwesend zu sein. Die beiden hätten das unter sich ausmachen sollen, ohne meine spionagehaften Augen.

 

Eva lächelte mich an und schüttelte unter seichten Tränen den Kopf als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Ist dieser schlaksige, hagere Typ nicht dein Freund? Wuschelhaare? Blass?“ Sie ließ Farin nicht los während sie das sagte.

Ich spürte mein Herz klopfen und sah ihn bildlich vor mir.

„John?“

„Ja, so oder so ähnlich. Er wartet auf dich im Foyer, glaube ich.“

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen sie für diese kostbare Information auf die Wange zu küssen, und so oder so, sie war Körks Frau. Das war ein bisschen, als hätte ich ihn grüßen können.

Ich stürmte aus dem Zimmer ohne jede weitere Rücksicht und rannte erst mal, bevor mein Kopf den Weg kannte.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich den richtigen Raum gefunden hatte.

Und dann stand er einfach da. Seitlich zu mir.

Unterhielt sich mit Bela der die Arme verschränkt hätte und mich vor ihm bemerkte. Er sah mich nicht, aber er wusste dass ich dort stand. Ganz ruhig nickte Bela dann in meine Richtung was John dazu brachte mich anzusehen, und innerhalb einer Sekunde erkannte er mein Gesicht, stürzte herbei und umarmte mich so heftig und unbeholfen, dass uns das beinah zu Boden riss.

Er weinte, lachte und redete gleichzeitig, er holte nicht Luft dazwischen und ich verstand kein einziges Wort, aber es war garantiert das schönste was ich jemals gehört hatte.

 

Es gibt Menschen, die einen Teil von uns mitnehmen, wenn sie nicht da sind. Manchmal spürt man es nicht, wenn sie gehen. Aber spätestens wenn sie wieder da sind, weiß man, was einem so unendlich gefehlt hat.

Und weshalb nicht das Wetter, nicht das Essen, nicht der ganze andere Rest daran schuld war, dass man sich so unvollkommen und lückenhaft gefühlt hat.

In diesem Augenblick wusste ich, dass John eine solche Person war.

Und ich fragte mich, warum ich ihm nie gesagt hatte, wie toll das war, dass es ihn gab.

Warum ich seinen Eltern nie Pralinen geschickt und mich bedankt hatte, dass sie ihn damals im Vollsuff zeugten, weil das vielleicht das einzige war, was sie jemals richtig und gut machten.

 

Tränen fielen aus meinen Augen die ich kaum spürte, aber als kleine Flecken an Johns Schulter wiederfand. Er drückte mich so sehr das meine Rippen schmerzten, aber ich sagte nichts, weil Johns Gebrabbel so schön war, und weil er so toll roch, und weil ich das vermisst hatte, seine Wange an meiner, und seine knochigen Hände an meinem Rücken, seine Stimme die sich überschlug, die Haare die ihm in die Augen fielen und immerzu verfranzt aussahen. Mein Herz fühlte sich an als würde es aussetzen vor Freude, als würde es Urlaub machen, zur Feier des Tages.

 

Es dauerte bis er sich beruhigt hatte, aber los ließ er mich nicht. Er sah müde aus und blass und war trotzdem wunderschön.

„Ich hätte nicht gehen dürfen, ich hätte nicht gehen dürfen! Du hast es mir noch gesagt! Kannst du dir das vorstellen, wie ich rumsaß und nicht wusste wo du steckst? Und ich dachte, ich bin an allem Schuld, ich bin gegangen, dabei hast du gesagt ich soll bleiben und“, er brach ab um sich über das Gesicht zu wischen. „Taya ich versprech dir, ich hau nie wieder einfach ab ohne mich zu melden, ich weiß jetzt wie schlimm das ist, ich bin wahnsinnig geworden, kannst du dir das vorstellen? Ich wusste gar nicht wohin! Ich meine, wo sollte ich dich denn suchen? Und ich dachte, toll, wie sollen Bela und Farin auf dich aufpassen wo die doch beide betrunken waren? Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf, und es gab so lange keine Spur, so lange!“

„Na Kollege, da hast du uns aber schon ein bisschen unterschätzt. Ich habe bombig auf deine Perle aufgepasst!“, mischte sich Bela lächelnd aus dem Hintergrund ein und zwinkerte mir zu als ich seinen Blick über Johns Schulter hinweg suchte.

 

„Hat er?“ John sah mir misstrauisch ins Gesicht und begeisterte sich haltlos, als ich nickte.

„Bela, weißte, ich hab immer gewusst das du der viel coolere bist, bei den Ärzten und so. Das war mir echt von vornherein klar. Ich meine, du siehst ja auch einfach viel besser aus als Farin! Und wer will denn schon was von Gitarristen? Hallo? Dieser blonde Hüne ist ja wohl – also - “

„Jaja.“ Bela grinste. „Ich hätt‘s auch ohne Lobeshymne gemacht. Lässt sich ja eh nicht mehr rückgängig machen!“

John ließ mich los und gemeinsam sahen wir Bela an, der gluckste.

„Na ja, ich wünsch mir das sicher nochmal… wenn sie mir den Jack Daniels wegsäuft, wenn sie mir ihren neuen Freund vorstellt, wenn sie mutwillig meine Haustür zerstört weil sie sauer ist zum Beispiel. Ja, ich denke, da bietet sich noch die ein oder andere Gelegenheit in der ich sie gern persönlich erschießen würde, aber das ist meist nur ein kurzer Anflug von-“

 

Ich glaube wir waren die einzigen Leute die es lustig fanden, sich auf rutschigen, breiten Fluren Verfolgungsjagden auf Infusionsständern zu leisten und sich dann zu prügeln.

Spielte aber auch keine Rolle.

Ich war wieder bei John. John war wieder bei mir.

Sie konnten mich jetzt getrost aus jedem Ort der Welt rausschmeißen, solang ich ihn mitnehmen könnte, und das würde ich, sollte es mir recht sein.

6.4.09 00:45


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